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Leseprobe Die Saisonpause

Die Fahrt durch das junge Grün in Ostsachsen ist ein wirkliches Erlebnis. Weiden und kleine Seen, so weit das Auge reicht. Das Land ist flach und etwas sandig. Linden, Buchen und Kiefern bestimmen die Landschaft. Gelegentlich erkennen wir ein paar Kastanienbäume. Auch schöne, alte, ziemlich gerade gewachsene Eichen sind dabei. Die Dörfer wirken aufgeräumt und sauber. Das ist eine sehr schöne Hinterlassenschaft der DDR. Wir haben den Eindruck, das genossenschaftliche Erbe wird weiter gelebt. Das ist sicher nicht leicht bei den Besatzern. Denen sind Einzelbauern lieber. Die kann man eben maßlos erpressen und enteignen.

Wir kommen in Thiendorf an. Der Ort sieht aus wie neu gebaut. Wir waren Fünfundzwanzig Jahre nicht mehr hier. Überall stehen neue Hallen und Gewerbezentren. Die Bauernfamilien sind billige Arbeitskräfte. Die produzieren ihren Eigenbedarf an Lebensmitteln selbst.

Das zieht schon die alten, nach dem Krieg verurteilten Kriegsverbrecherfamilien an. Wir entdecken recht bekannte Namen. Natürlich gebe ich meine Kommentare dazu im Auto. Schließlich lebt unsere Familie da wegen dieser Familien. Wir sind praktisch die dritte Generation, die wegen dieser Familien das Land wechseln muss. Wir schämen uns für diese Verbrecher und dafür, dass ausgerechnet die, sich Deutsche nennen.

Im Ort von Herta angekommen, fällt unser erster Blick auf die Gastwirtschaft des Ortes. Geschlossen, leuchtet uns entgegen. Bei der Weiterfahrt sehen wir die ehemalige Schule. Die wurde zu einem Gemeindezentrum umgebaut. Was immer das bedeutet. Am ehemals kleinen Friedhof halten wir an und suchen das Grab unserer Oma. Neben ihr liegt unser Onkel. Der Bruder von unserem Vater und Ehemann von Herta. Die Gräber sind gut gepflegt. Herta scheint hier öfter vorbei zu schauen. Der Friedhof ist etwas gewachsen. Wir sehen reichlich Gräber von ziemlich jungen Menschen. Zwischen den einzelnen Weiden und Feldern stehen kleinere Wälder. Die gehören den Bauern seit der Bodenreform. Der Ort scheint ruhig und friedlich. Mutter bekommt feuchte Augen. Mich wundert das etwas. Mutter liebt das ländliche Leben eigentlich nicht, wie das von Vaters Familie gelebt wird. Irgendwie gibt es Spannungen zwischen ihr und Vaters Familie. Mutter hat uns das nie verraten, was der Grund dafür wäre. Eigentlich ist das ihre Sache. Ich habe mich bei Herta und ihrer Familie immer sehr wohl gefühlt. Wahrscheinlich hat deren Erziehung auf mich gewirkt. Die Kinder von Bauern bekommen eine ganz andere Freiheit zu spüren als städtisch aufgewachsene.

Bei der Anfahrt mit unserem Auto bemerke ich schon zweihundert Meter vor dem Gut, wie sich die Gardine zur Seite bewegt. Herta ist wie Oma. Aus dem Fenster kann sie die gesamte Straße einsehen. Irgendwie scheint ihr das die Zeit zu geben, die ersten Töpfe auf den Herd zu stellen. Kein Bauer empfängt seine familiären Gäste mit leeren Töpfen. Im Nu wäre das ein Ortsgespräch. Herta ist nicht die Einzige, die unsere Anfahrt durch das Fenster beobachtet. Wir werden ganz sicher, nach dem Betreten der Küche, von zahlreichen Nachbarn besucht.

Ich kann mit dem Auto bis an das Grundstück fahren. Das Tor ist noch geschlossen. Herta kommt gelaufen. Sie schaut, wer denn nun in dem Auto sitzt. Als sie uns erkennt, wirft sie die Hände über den Kopf. Ihre Laute sind jetzt mit einer Sirene vergleichbar. Der Dresdner Dialekt, der Gesang in ihrer Stimme, hat uns wirklich gefehlt.

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