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Tag 62 Fortsetzung

Als ich zur Küche zurück kam, roch es bereits nach frischem Kaffee. Ein Klappern in der Küche ist zu hören. Geschirr- und Besteckgeräusche.

„Ich bin Ruth und Du?“

„Karl.“

Ehrlich; ich bin fast erschrocken. Nicht, weil da eine Person da ist, sondern, was für eine.

„Hast Du Alles fertig?“

„Ich denke.“

„Das gebe ich aus. Du machst den Nachschub.“

Ruth hat etwas Kuchen mitgebracht.

„Wo war der?“

„Im Lager. Ich zeige Dir das dann.“

„Ich brate Dir schnell noch Leberkäse und lege den in die Bain Marie.“

„Danke.“

Ruth‘s Anwesenheit kann für mich nur ein Glücksfall sein. So habe ich genug Zeit, das Menü zu kochen.

Salatbüffet

Gerstsuppe mit und ohne Selchfleisch

Lasagne

Pasta Napoli

Rippele, Bratkartoffel, Sauerkraut

Bratwurst, Bratkartoffel, Sauerkraut

Vegetarische Krautroulade, Bratkartoffel, Sauerkraut

Erdbeer – Cremeschnitte

Die Cremeschnitte ist schon fertig. Die Lasagne auch. Die muss ich nur in den GN-Behälter und in den Backofen geben. Die vegetarische Krautroulade kommt aus dem Trentino. Die ist gefroren. Die gebe ich mit in den Dämpfer. Die Bratkartoffeln sind gefroren vorrätig. Wahrscheinlich hat mein Kollege den Wechsel gut vorbereitet. Das Fleisch für die Rippele hängt bereits im Kühlhaus. Mir fällt ein Stein vom Herzen. Ich bringe mir das gleich in die Küche, würze es und hänge es in den Dämpfer ein. Die Lasagne hänge ich in den gleichen Dämpfer, bei gleicher Temperatur.

Danach gebe ich das Sofritto für die Gerstsuppe

in den Topf und stelle ihn zum Anschwitzen auf das Gas. Die Gersten rühre ich gleich dazu. Jetzt lösche ich die Gersten ab, würze mit Trockenbrühe, Salz, Pfeffer und einer Prise Zucker. Es fehlt ein Stück Selchfleisch. Ich gehe zurück ins Kühlhaus und suche. Und schau; es liegen sechs herrliche Selchhaxen im Regal. Die gebe ich sofort nach dem Auspacken in den Dämpfer. Das Sauerkraut setze ich im Topf an. Die Penne habe ich bereits im Nudelkocher fertig. Die Tomatenpolpa würze ich schnell etwas und fülle sie in den Einsatz und hänge das in die Bain Marie. Bis Mittag wird das warm.

Eigentlich ist das Essen jetzt bereits gekocht. Ich könnte wieder gehen, wenn es Jemand rechtzeitig aus dem Ofen nimmt und etwas portioniert.

Ruth sagt, den Salat macht sie. Was will ich mehr?

Zum Glück werde ich noch beim Frühstück benötigt. Sonst würde es schon langweilig werden. Belegte Brötchen und Leberkäse sind nachzumachen. Frankfurter und Meraner scheinen auch Aus zu gehen.

Die sind nicht vorrätig. Ich frage Ruth, woher ich die jetzt bekomme. Ruth lacht mich aus.

„Du arbeitest in einer Metzgerei!“

Ruth ruft kurz eine Nummer an und etwa fünf Minuten später steht ein Kollege im Fleischerhemd vor mir mit den Wüsten in einer Schüssel. Die Bratwürste sind dabei. Er grüßt freundlich mit seinem ungarischen Akzent.

„Hier. Deine Würstelen!“

„Danke, mei Gutster.“

„Ah. Ein DDR – Koch.“

„Speck, Fleisch und Leberkäse kann ich dann wohl bei Dir bestellen?“

„Nein“, ruft Ruth. „Wir sind eine andere Firma.“

Der ungarische Kollege geht.

„Wieso nehmt Ihr Eure Ware nicht von dem Metzger?“

„Der ist zu teuer für unsere Arbeiterversorgung.“

Kapitalismus pur. Man stellt in einem Schlachthof, Produkte her und bezieht den Eigenbedarf für seine Kollegen, die das herstellen, wo anders. Man hat in dem System wirklich Schwierigkeiten mit Rechnen und Abrechnen.

Die vorgebackenen Bratkartoffeln frittieren wir zur Ausgabe. Wahrscheinlich muss ich nicht mal das Essen ausgeben. Der Betrieb gefällt mir immer mehr, trotz seiner logistischen Schwächen.

Nachdem ich das Essen fertig gekocht habe, gehe ich ans Portionieren. Ich frage Ruth, wie groß sie die Lasagnen und das Fleisch portionieren. Sie zeigt es mir.

So. Der Ausgabe steht jetzt eigentlich Nichts mehr im Wege. Wir haben noch etwas Zeit. Ruth spendiert einen Kaffee.
„Kaffee gibt es auch Draußen im Automaten. Dafür brauchst Du einen Personalchip. Dieser Kaffee hier muss gekauft werden.“

Ich hatte mich schon gewundert, dass so wenig Kaffee verlangt wird.

„Rauchst Du, Ruth?“

„Ja.“

„Jetzt können wir Eine rauchen gehen.“

„Ich komm‘ mit.“

Wir brauchen fast zehn Minuten, um vor das Betriebsgelände zu kommen. Die gleiche Zeit zurück, ergibt, zehn Minuten Zeit für eine Zigarettenpause.

„Das hat eine amerikanische Firma, für die wir produzieren, verlangt.“

„Was? Dass hier nicht geraucht werden darf?“

„Genau das.“

Eine fremde Firma, die hier einen Auftrag vergibt, verlangt, dass ihre fremden Arbeiter, die den Auftrag herstellen, nicht rauchen. Ich frag mich, warum die ihren Müll nicht selbst herstellen und verzehren. In meinem Leben hätte ich keinen solchen Vertrag unterschrieben. Die Not muss wirklich groß sein, bei solchen Verträgen.

Wenn die Firma aufgibt, war‘s das. Nur so kann man in Südtirol, Chicagoer Verhältnisse bekommen. Und ich dachte, hier stehen schon genug leere Ruinen.

Wir rauchen jeder zwei Zigaretten. Irgendwie könnte man glauben, wir würden die Dinger fressen. Das ist wirklich ungesund am Rauchen. Zum Rauchen gehört Zeit und Genuss. Erst dadurch macht Rauchen, erfinderisch.

Zurück in der Ausgabe, kann es los gehen. Und schon kommen die ersten Kollegen. Ich denke, sie kommen Abteilungsweise. Irgendwie höre ich das an ihren Gesprächen. Alle grüßen freundlich und fragen Ruth, ob ich der Neue bin. Das Getuschel bekomme ich nicht mit. Das interessiert mich auch nicht. Streng ausgelegt, würde ich jetzt behaupten, dass mich die Männer eher ansprechen und mit mir ein Gespräch suchen. Die absolute Mehrzahl der Arbeiter aber, sind ganz sicher nicht von hier. Einige schauen mürrisch. Mir gegenüber, sind sie dennoch extrem freundlich. Sehe ich da ein verstecktes Klassenbewusstsein? Mir scheint, den Arbeitern ist ihre wie unsere Lage, klar. Jetzt kommen sogar Kollegen im Turban. Sofort wird mir klar, warum ich in einem Schlachthof, vegetarisch kochen soll. Die Not in Indien muss wirklich groß sein, wenn Vegetarier gezwungen sind, in Schlachthöfen, weit entfernt von der Heimat, zu arbeiten.

Die Ausgabe ist relativ zügig vorbei. Ein paar Bratwürste musste ich nachkochen. Das war so auch geplant.

Nach dem Mittag putzen wir umgehend die Küche und verabreden uns auf morgen. Es ist noch nicht einmal um Zwei. Gelegentlich kommt noch ein Fahrer und möchte ein Mittagsessen. Wir schöpfen das aus den ausgehangenen Töpfen. Die Töpfe müssen nur abgedeckt werden. Es gäbe noch eine Resterverwertung in der Spätschicht. So zu sagen, eine kostenlose Zugabe. Damit ist ja der Kreislauf schon mal gesichert.

Nach dem Umziehen gehen wir zusammen zu unseren Autos. Ruth geht noch in den Betriebsshop einkaufen. Ich verabschiede mich jetzt zum zweiten Mal. Ruth muss lachen deswegen.

Die Reise in Richtung Reschen ist gemütlich. Es gibt keinen Stau und keine Unterbrechungen. Oberhalb Mals sind alle Straßen frei. Stellenweise sehe ich sogar den Straßenbelag. Das Salz greift.

Alfred und Joana haben mich erwartet um die Zeit. Sie stehen vorm Haus und Joana raucht. Ehrlich gesagt, bin ich jetzt etwas müde. Ich möchte einen kurzen Mittagsschlaf halten. Wir verabreden uns mit Alfred auf Abend.

 

 

Tag 62

Tag 62

Joana weckt mich schon, bevor das Telefon klingelt. Es ist um Drei. Wer um diese Zeit aufsteht braucht sicher eine Stunde, um halbwegs normal zu sein. Ich kann sofort den Beruf Bäcker verstehen. Meine Knochen sind noch steif wie ein Brett. Großartig essen muss ich nicht. Kaffee ist wichtig. Die Maschine läuft, während ich im Bad bin. Eine Tasse trinke ich hier und den Rest nehme ich mit.

Auf der Fahrt treffe ich Keinen. In knapp vierzig Minuten bin ich schon in Schlanders. Am Tor sagt mir ein Wärter, ich soll mein Auto Draußen parken. Der Parkplatz steht voll. Ich muss Etwas suchen. Dabei rauche ich schnell noch Eine. ‚Acht Stunden ohne Tabak...‘, denk ich mir. Ich sage dem Pförtner, dass ich in die Küche muss und der neue Koch bin. Er zeigt mir den Weg, den ich gehen soll. Das ist ein Extraaufgang. „Die Garderobe ist Oben.“

„Danke.“

„Die Semmeln sind vor dem Aufgang.“

Ich schau hin. Dort stehen zwei Riesensäcke aus Papier. Dafür muss ich sicher zwei Mal gehen. Mein Gepäck und die Semmeln sind zu Viel zum Tragen.

„Dort ist ein Fahrstuhl“, ruft mir der Wachmann leise hinterher und zeigt auf die damit markierte Tür. Jetzt brauche ich wenigstens die Semmeln nicht per Hand hochschleppen.

Die Küche ist, bis auf ein Notlicht, stockdunkel. Ich suche die Schalttafel, die mir der Kollege am Tag vorher zeigte. Ein Hauptschalter ist zu betätigen. Die Küche riecht nicht besonders gut. Es riecht nach altem Fett. Der Kollege hat an seine Anschlagtafel das Menü von Heute geschrieben. Das erspart mir damit langes Suchen. Im Küchenbüro hat er zudem die Menüs für die gesamte Woche geschrieben. Ich muss dann Alois anrufen, ob dafür schon die Bestellungen abgegeben wurden.

Zuerst setze ich einen Topf für die Brühe auf und fülle den Pastakocher. Die Küche läuft auf Gas und ich fummele fast zwanzig Minuten mit Papierstreifen und Holzstäbchen, die Zündflammen an zu bekommen. Eine fürchterliche Erfindung. Zwischendurch hatte ich Zweifel, ob ich den Haupthahn, statt auf, zu gestellt habe. Mit den angeblichen Sicherheitsstandarts hat man Profiküchen, unbrauchbar gemacht. Die Bain Maries laufen auch auf Gas. Ekelhaft. Ich schalte die Lüftung ab. Jetzt springen die Zündflammen an. Eine halbe Stunde ist weg. Im Westen hat man einfach keine Ahnung davon, funktionierende Profiküchen zu bauen. Wenn ich an unsere Ascoblock und Nagema denke, kommen mir bei Anblick dieser Schrotthaufen die Tränen. In der ersten Stunde macht sich schon eine Art Verzweiflung breit. Zunehmend erklärt sich mir die Kündigung meines Kollegen. Ich stelle mir gerade vor, wie ich das den Beamten des Arbeitsamtes erklären soll, dass es einfach unmöglich ist, auf diesem Schrottplatz zu arbeiten, ohne einen Gesundheitsschaden ab zu bekommen. Mir scheint, dass das auch der Grund dafür ist, warum die Küchen verpachtet werden. Selbst möchte man sich offensichtlich nicht blamieren vor seinen Angestellten.

Der Migrant soll also wieder Mal den Prellbock spielen für ein schlampiges Managment. Ich bin mir fast sicher, dass, wenn die Küche neu gebaut ist, es kein Migrant schafft, dort einen Arbeitsplatz zu bekommen.

Nachdem ich die Technik an bekommen habe, geht es ans Belegen der Semmeln. Im Kühlfach unter der Aufschnittmaschine liegt mein Aufschnitt für das Frühstück. Mit dem Käse, sind es drei Sorten. Auf einen Zettel hat mir der Kollege beschrieben, wie ich die Semmeln belegen soll. Auf einer Waage mach ich die Probe. Die Brötchen werden dicht belegt. Arbeitslose bekämen Tränen in den Augen bei dem Anblick. Immerhin müsste ein Kunde im Geschäft, knappe drei Euro für einen Semmelbelag zahlen. Bei zwei Semmeln macht das sechs Euro. Im Monat, einhundertzwanzig, was der Arbeiter zu Hause spart. Beim Belegen der Brötchen komme ich etwas in Verzug. Irgendwie muss mir jetzt Etwas einfallen. Sonst stehe ich da und meine Semmeln sind nicht fertig. Zuerst rühre ich mal die Fertigsuppe in das kochende Wasser. Dann befülle ich die Bain Maries mit frischen Frankfurtern, Meranern, der Suppe und zwei Behälter mit Reservewasser. Die Frühstückseier koche ich gleich in der Verpackung. Die Bratplatte ist noch einzuschalten für Spiegelei und Leberkäse. Das Rührei hat mir der Kollege schon aufgeschlagen und ins Kühlhaus gestellt. Ich werde das in den kommenden Tagen durch Flüssigei ersetzen müssen. Immerhin spare ich mir damit eine halbe Stunde, die ich allein für das Eier aufschlagen benötigen würde. Jetzt kann ich zu den Semmeln zurück. Ich schneide jetzt eine ganze Portion in die Hand und verteile das nach dem Auflegen auf die Semmel etwas. Das funktioniert. Ich brauche nur noch die halbe Zeit.

Den Leberkäse schneide ich zuletzt. Jetzt habe ich wirklich noch fünfzehn Minuten bis zur Öffnung. Zigarettenpause. Wo rauche ich jetzt meine Zigarette? Auf der Toilette? Oben, auf dem Feuerleitereingang zur Küche? Ja. Genau dahin gehe ich jetzt, um eine zu rauchen..oder zwei.

Fortsetzung folgt

 

Tag 61 Fortsetzung

Tag 61

Fortsetzung

Die ersten Zwei kommen. Eine Frau aus dem Büro unter unserer Mensa mit ihrem Kollegen. Sie möchte statt Kartoffel, Reis. Genau daran habe ich natürlich nicht gedacht. Alois hat auch vergessen, mir das zu sagen. Alois hat aber ein paar Portionen im Kühlschrank. Er bietet ihr eine Portion an und sagt, er sein von Gestern. Die Frau stimmt zu und ich wärme ihren Reis in einer Tasse mit der Mikrowelle. Bei unserer Mikrowelle dauert das fünfzehn Sekunden. Die Mikrowelle ist ein häufig benutztes Utensil in der a la carte - Gastronomie. Eine wirklich feine Erfindung. Die kommenden Arbeiter grüßen mich schon mit meinem Vornamen. Hier fühle ich mich sofort wohl. Keiner reklamiert ein zwei Sekunden zu kurz gebratenes Rumpsteak. Keiner reklamiert ein zu weiche Pommes frites. Keiner reklamiert zu viel Sauce. Verglichen mit der DDR, kostet ein Arbeiteressen hier so viel wie drei Gaststättenessen in einer HO - Gaststätte. Und das ist schon mal beachtlich. Der Witz ist eigentlich, dass DDR - Arbeiter locker einen Nachschlag holen konnten. Das ist heute schon etwas schwieriger. Ein Arbeiteressen kostete in der DDR fünfundfünfzig Pfennig. Ein Gästeessen, eine Mark fünfundfünfzig. Wenn ich bedenke, dass wir nach Abzug der Miete, doppelt so viel Geld in der Brieftasche hatten als heute, schlafen mir die Füße ein. „Für was gehe ich arbeiten?“

Die Ausgabe zieht sich hin. Heute kommen zusätzlich zwei Straßenbau – Kolonnen. Das sind fast vierzig Leute. Ich muss Schnitzel nachbraten und komme, ehrlich gesagt, leicht ins Schwimmen. Zusätzlich setze ich noch schnell einen Topf, Reis auf. Die Kartoffeln werden nicht reichen. Alois zeigt mir, wo der Spinat liegt. Den setze ich gleich im Dämpfer mit an. Die Jungs sagen, sie können nicht lange warten. Jetzt macht sich bezahlt, dass ich in Gaststätten und Skibetrieben gearbeitet habe. Alois wundert sich über meine Ruhe: „Ich würde durchdrehen.“

„Das bringt auch Nichts“, tröste ich ihn.

„Hast Du das oft bei Dir hier? Kommen oft so viel zusätzliche Kunden?“

„Eigentlich kenne ich die Kunden schon. Vertreter und Geschäftsreisende kommen regelmäßig zusätzlich.“

„Alles klar. Ich werde das zukünftig mit dem Einkauf decken müssen.“

„Ich bilde Dich nicht für diese Küche aus. Du kommst in eine andere.“

Endlich spricht der Klartext. Das ist also eine Ausbildung für eine andere Küche.

„Morgen bist Du schon in einer anderen Küche.“

„Was? Morgen schon?“

„Wir gehen dann mal rüber. Ich stelle Dir den Kollegen vor. Der möchte dort aufhören.“

Irgendwie klingt mir das schon wieder etwas fragwürdig. Ich werde das heute mal Joana erzählen.

„Wann geht denn dort der Dienst los?“

„Der aktuelle Koch kommt gegen sechs Uhr.“

Die heutige Ausgabe ist fertig. Louise putzt uns die Küche. Wir gehen rüber in die andere Küche. Die befindet sich bei einem Südtiroler Speckerzeuger.

Ein Koch nutzt natürlich jede freie Minute an der frischen Luft, um eine Zigarette zu rauchen und durchzuatmen. Auf der Straße zünde ich mir eine Zigarette an. Alois sagt mir: „Hier ist rauchen verboten.“

„Was? Hier im Freien?“

„Ja. Auf dem gesamten Betriebsgelände!“

Ich bin Raucher. In einer Firma, in der Rauchen verboten ist, arbeite ich nicht. Alois wartet mit mir etwas, bis ich aufgeraucht habe. Wir gehen in die beeindruckende Anlage. Mir kommen Leute entgegen, von denen ich eher vermutet hätte, sie arbeiten in einem Labor. So waren die angezogen. In Vollschutz, Teil Zwei, würden DDR - Bürger mit NVA - Erfahrung sagen. Ich kann mir nicht vorstellen, ganztägig in so einer Kleidung zu arbeiten. Mir reicht die Kochuniform. Die kann mitunter schon ziemlich lästig sein.

„Muss ich das auch tragen?“

„Nein. Das sind die Leute von der Verpackung.“

Mir fällt ein Stein vom Herzen. Ich hätte sofort abgesagt.

Im Treppenhaus fallen mir meine neuen Kunden und Kollegen auf. Die wenigsten Kollegen kommen aus Südtirol. Ich dachte, ich stehe in einer Flüchtlingszentrale. Ich höre Sprachen aus allen Nationen dieser Welt. Und diese Kollegen stellen Südtiroler Speck her. Ich muss etwas lachen. Und dafür kämpfen wir weltweit um Markenschutz.

Sämtliche Kollegen, egal welcher Hautfarbe, sind freundlich und wirken aufgeschlossen. Alle grüßen und lächeln dabei. Alle sprechen Italienisch und manche auch gut Deutsch. Ich staune.

Oben angekommen, gehen wir durch zwei Schleusen und stehen in der Küche. Da scheint absolute Freiheit zu herrschen. Der Kollege, der mich begrüßt, hat eine winzige Kopfbedeckung auf. Die Papierschiffchen sind eher ein Pseudokopfschutz. Etwa, wie die Pseudohygiene im Westen. Mehr Schein als Sein. Was sich nicht wegsprühen lässt, ist gesund.

Der Kollege erklärt mir den Küchenablauf. Jeder Kunde bekommt zum Frühstück zwei gut belegte Semmeln. Zudem halten wir ein Suppenangebot. Mitunter auch etwas Süßes, das uns der Bäcker liefert. Beeindruckend.

„Wir haben einhunderfünfzig bis zweihundert Kunden pro Mahlzeit.“

Ich rechne kurz im Kopf. Das sind mindestens dreihundert belegte Brötchen.

„Wann beginnt das Frühstück?“

„Halb Sieben.“

Ich rechne wieder kurz.

„Dann müsste ich ja mindestens um Fünf, spätestens, halb Sechs anfangen.“

„Ich fange halb Sechs an.“

Ich denke, die ersten Tage werde ich ganz sicher um Fünf anfangen. Etwas Reserve muss sein. Das bedeutet, ich muss Joana wecken.

Bei der Vorstellung bekomme ich leichtes Kribbeln im Bauch. Wenn irgend Etwas dazwischen kommt, stehen die Leute ohne Essen da. Ich muss reichlich Reserve für die Anfahrt einrechnen. Da entsteht ein innerer Druck, den ich schlecht beschreiben kann. Wenn mir Etwas passiert und so weiter. Ein beruhigt mich. Alle meine Kunden arbeiten in der Branche. Die könnten mich zur Not ersetzen.

„Wir bieten zwei Wahlessen und ein vegetarisches -.“

‚Das auch noch‘, denke ich mir.

„Wird das Essen vorbestellt?“

„Ja. Schon beim Kauf der Essenmarken. Du hast trotzdem etwa dreißig unbestellte Speisen, die gedeckt werden müssen.“

Jetzt kann ich in etwa nachvollziehen, warum der Kollege geht. Wenn er Raucher ist, so und so. Ich soll also, verlustfrei, neunzig Essen vorhalten. Drei Wahlessen pro ungebuchter Person. In der DDR mussten alle Speisen, die älter als fünf Stunden nach ihrer Fertigstellung waren, weg getan werden. Allgemein haben sich die Angestellten diese Speisen mit nach Hause genommen.

Wir machen eine Rundgang und ich bekomme die Küche und Nebenräume gezeigt. Die Technik ist steinalt, aber sie funktioniert bis jetzt, nach Aussage meines Kollegen.

„Du kommst aus der DDR? Dann bist Du ja solche Küchen gewohnt.“

„Kollege. Solche Küchen standen bei uns auf den Schrottplätzen. Dort haben wir nicht gekocht.“

„Ich dachte,...“

„Unsere Küchen wurden nach der Abschreibungszeit, renoviert. Das war nach spätestens acht bis zehn Jahren. Schrottplätze, in denen gekocht wird, habe ich erst hier und im Westen gesehen.“

Im Grunde haben wir Alles gesehen und der Kollege hat mich sehr gut und freundlich eingeführt. Wir verabschieden uns und er verspricht mir, wenn ich in Not bin, vorbei zuschauen.

„Ich muss noch nach Hause“, sage ich zu Alois.

„Na dann. Bis morgen.“

Ich muss schnell schauen, ins Auto zu kommen. In einer Stunde beginnt der Arbeiterverkehr. Da muss ich mindestens schon zu Hause gewesen sein. Der Druck ist gewaltig. Wenn ich bedenke, ich muss über Kastellbell noch nach Hause, wird mir speiübel.

Bis Latsch geht es recht flüssig. Jetzt kommt zu Straße entlang der Strada Vecchia. In Kastellbell steht eine Ampelanlage, die regelmäßig für einen gewaltigen Stau sorgt. Heute scheint es zu gehen. An der vorletzte Kurve vor der Ampel, etwa einen Kilometer vorm Ort, steht er, der Stau. Und das zu der Tageszeit. Ich drehe fast durch bei dem Anblick. Die Stelle ließe sich eigentlich gut umfahren. Aber die Umfahrung dauert etwa so lange, wie die Auflösung des Staus. Das kommt also nicht in Betracht. In einer halben Stunde bin ich durch. Die Zeit fehlt mir etwas. Zumindest erwarte ich ab Naturns schon schweren Werksverkehr. Es geht. Der Betrieb ist verträglich und der Verkehr läuft flüssig. Ein typischer einheimischer Verkehr.

Zu Hause angekommen, gehe ich unseren Arbeitertabak schneiden. Dafür nehme ich unsere Pastamaschine. Ich schneide ein Kilo. Das muss reichen. In der Wohnung riecht es nach Vanille. Ich fermentiere unseren Haustabak mit Rum und etwas Vanille. Das riecht und schmeckt gut.

Wenn ich jetzt los fahre, kann ich den strengen Werksverkehr noch hinter mir lassen. Zumindest bis Schlanders. Wie geahnt, komme ich bis Schlanders in meine Sichtung, gut vom Fleck. In Schlanders staut es. Der Stau ist einheimisch und löst sich relativ schnell auf. Bis Eyrs kann ich achtzig Stundenkilometer fahren. Das ist für diese Straße eine wirklich gute Geschwindigkeit.

Im Frühjahr und Sommer komme ich dort mit dreißig Stundenkilometern vom Fleck.

Bis zum Reschen hinauf, ist kaum eine Behinderung und damit komme ich bei Joana und Alfred, recht früh an. Alfred steht Drinnen. Dursun auch. Keiner hätte mich erwartet. Gäste werden wahrscheinlich heute, keine anreisen.

„Joana ist schon Oben.“

„Grüß Euch. Dann verschwinde ich sehr schnell. Ich muss morgen, halb vier aufstehen.“

„Sollen wir Dich wecken?“

„Das wäre nicht schlecht. Danke.“

„Gute Nacht!“

Ich erzähle Joana von dem Betrieb. Das erste Mal, dass ich in den Augen Joanas, Hoffnung entdecke. Sie glaubt, das wäre für mich ein Idealarbeitsplatz. Alles habe ich ihr nicht erzählt. Das muss ich später machen.

 

Tag 61

Tag 61

Der Witz ist, dass wir heute zusammen zu der Zeit aufstehen, zu der Joana sonst auf Arbeit geht. Es ist halb Fünf. Heute können wir uns den Kaffee hier auf dem Zimmer kochen. Unten ist sicher noch Niemand da.

Unser hausgemachter Arme – Leute - Tabak aus fermentierten Brennnesseln, Weinblättern und Kräutern, geht auch zur Neige. Ich sage Joana, dass ich welchen von zu Hause mitbringe. Es muss nur zeitig genug Feierabend sein. Immerhin ist der noch zu schneiden. Ich werde ein paar Feigenblätter zufügen.

Wir verabschieden uns und Joana begleitet mich bis ans Auto. Heute sieht das Wetter nicht allzu friedlich aus. Es riecht nach Schnee. Nach einem Küsschen fahre ich los.

Bis Mals treffe ich nicht ein einziges Auto. Wegen der Schneehelligkeit ist es nicht so stockfinster, wie es sein müsste. Der Himmel jedenfalls, ist restlos bedeckt hier Oben. Ab Mals treffe ich bisweilen ein Auto. Meist sitzen Frauen drin. Bei der Dunkelheit, allein im Auto als Frau, erfordert schon reichlich Mut und Selbstbewusstsein. Die Südtiroler Frauen sind selbstbewusst und ziemlich mutig. Das bewundere ich immer wieder.

Von Schlanders bis Vezzan ist schon etwas mehr Verkehr. In der Mensa brennt schon Licht. Der Kollege ist schon da und auch unsere Kassiererin. Sie bereiten sich sicher auf mich vor.

Alois hat das Menü schon angeschrieben. Heute gibt es:

Salatteller

Fenchelcremesuppe

Penne Ragu

Rahmschnitzel, Röstkartoffeln, Spinat

Vanillepudding mit Pflaumen

Das ist eigentlich ein einfaches Menü. Alois hat das extra für mich so geschrieben. Er hätte es auch komplizierter schreiben können. Ich sage ihm das nicht.

Die Salate hat unsere Kollegin Luise schon fertig. Sie hilft mir bei den belegten Broten. Luise staunt, wie schnell ich das kann. Ich schneide die Wurst, den Schinken und Käse direkt von der Maschine auf die Brötchen. Butter geben wir keine drauf. Mich wundert das. „Die Monteure wollen das nicht“, sagt mir Alois. Das glaube ich ihm gern. Unsere italienischen Landsleute in den Skibetrieben wollten das auch nicht. Sie wollten auch selten saure Gurke.

Zur Frühstücksausgabe habe ich ausreichend Zeit, auch zwei Kaffee zu trinken. Die musste ich bei Luise bezahlen. Als Personalkaffee. Wenn ich da bleibe, muss ich mir meinen eigenen Kaffee mitbringen. Bei meinem Konsum würde ich locker drei Euro allein an Kaffee vertrinken. So viel Geld haben ich nicht. Ich zahle allein für den Arbeitsweg, im Monat zweihundertfünfzig Euro. Da sind die Kosten für Reparaturen, Verschleiß und so weiter, noch gar nicht dabei. Alois zeigt mir die Röstkartoffeln. Die haben wir schon gefroren. Den Spinat auch. Das Ragu haben wir als Konserve. Fenchel ist gefroren da und den setze ich gleich zur Suppe in einem Topf an. Spinat und das Ragu gebe ich in den Dämpfer. Die Röstkartoffeln sind vorgebacken. Ich muss mich kaum um die Röstfarbe bemühen. Die lege ich auf die Bratplatte und würze sie. Zwiebel gebe ich in den Blender mit Öl. Die Zwiebel gebe ich etwas später auf die Kartoffeln. Alois ist das neu mit der Zwiebel. „Schmeckt das nicht bitter?“

„Du kannst das dann mal probieren.“

Er wird das sicher auch ohne meine Aufforderung probieren. Schließlich ist das meine Prüfung. Die Fenchelsuppe binde ich wieder mit Kartoffelflocken. Die haben wir reichlich im Haus. Meine Kollegen geben sonst Kartoffeln mit dazu und mixen das zusammen mit dem Namensgeber. Ich mag das nicht, weil gemixte frische Kartoffeln etwas klebrig, fast schon schleimig werden. Die Rahmsauce koche ich als Brühe mit Petersilie und Schnittlauch, binde sie und gebe jetzt Sahne hinzu. „Clever“, sagt Alois. Er ist immerhin ein Kollege und seine Komplimente sind echt. Die Rahmsauce hänge ich gleich in die Bain Marie. Alle Schnitzel, die ich jetzt rosa brate, gebe ich direkt in die Sauce. Bis zur Ausgabe sind die durch, zart und saftig.

Alois hat eine Steaker. Er nimmt ihn nicht gern. Ich schon. Dieser Steaker ähnelt eher einer Pastamaschine. Die würde ich nehmen, wenn wir keinen Steaker hätten.

Mit der elektrischen Pastamaschine geht das Schnitzel klopfen besonders gut und schnell. Den Pudding koche ich ähnlich wie die Rahmsauce. Ich koche ihn in Wasser und gebe Sahne zum Schluss zu. Zumindest verhindere ich damit braune oder schwarze Stücken von Ansätzen.

Louise portioniert den Pudding und gibt den Pflaumenkompott, sparsam oben drauf.

Wir haben Mittag und ich bin rechtzeitig fertig.

 

Fortsetzung folgt