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Tag 63 Fortsetzung

 

Ruth geht gleich als Erstes zum Salat. Unsere Frühstücksgäste sind noch gar nicht da. Den Kaffee trinken wir nebenbei. Eigentlich würde ich schnell noch Eine rauchen. Die Zeit, erst runter zu gehen, ist dafür zu kurz. Ich gehe auf die Toilette und öffne dort das Fenster. Die neue Raucherinsel; das Scheißhaus. Wenn unsere Gesetzgeber wirklich unsere Gesundheit und damit unser Leben lieben, würden sie wohl als Erstes die Sechs-Tage-Woche abschaffen und die Sauferei verbieten. Die Arbeiter sterben wegen Stress und Misshandlung. Nicht wegen des Rauchens. Das ist ein Pseudoalibi.

Kaum bin ich zurück, stehen schon unsere ersten Kunden am Buffet. Sehe ich mir die Kunden in einer Reihe an, muss ich feststellen, dass Mulatten und Neger die schönsten Menschen sind. Ich bekomme fast Minderwertigkeitsgefühle. Das Lächeln dieser Menschen ist ehrlich und sieht schön aus. Ich muss mir fast immer eine Hand vor den Mund halten. Meine Kunden sollen die Zahnlücken nicht sehen. Sie lachen mich sonst aus. Ein Koch in einem reichen Land hat Zahnlücken. Peinlich. Sie haben keine. Wenn sie hier bleiben, brauchen sie zehn Jahre und sie haben auch welche. Ein Leben lang, Krankenkasse bezahlt und als Rentner, keine Zähne. Ich frage mich, wer das Geld klaut. Wir haben in der DDR nicht mal die Hälfte in die Krankenkasse bezahlt. Bei uns war Gesundheit ein gesellschaftliches Anliegen. Hier rennen wir mit einem Portemonnaie zum Arzt. Ist der jetzt ein Arzt oder ein Geschäftsmann? Dann lass‘mer das eben den Markt entscheiden, wer uns die Zähne ersetzt.

Als Frühstückssuppe habe ich heute eine süße Suppe gekocht. Und schau, ich muss nachkochen. Puddingsuppe scheint ein Renner zu sein. Schokopudding. Zwischendurch muss ich schnell mal kontrollieren, wie der Gulasch und meine gefüllten Zucchini aussehen. Die Zucchini sind fertig. Ruth riecht sie und fängt gleich an zu schlucken.

„Ich habe genug. Du kannst ruhig probieren.“

Nach dem Frühstück trinken wir zusammen richtig Kaffee und wir essen etwas Kuchen, der noch übrig ist. Wir sind die Resteverwerter. Sozusagen, die Schweine der Essenausgabe. Damit sparen wir uns etwas Geld und müssen kein Essen kaufen. Bei unseren Westbesatzern müssten wir das versteuern. Pauschal. Die schätzen das. Selbst Abfall wird bei den Faschisten versteuert. Und die wollen Kommunisten schlecht machen.

Jetzt haben wir Zeit, nach Unten zu gehen und eine richtige Rauchpause einzulegen. Kaum sind wir Unten, kommt Alois. Er kommt nicht allein. Mit ihm kommen meine Chefs. Die haben sich bis jetzt, nicht vorgestellt. Man trägt Anzug.

„Wir müssen mit Dir mal kurz reden“, sagt Alois.

Wir gehen gemeinsam hoch in die Küche. Vor der Küche, im Speiseraum, wartet die Besitzerfamilie des Betriebes. Ich stehe abseits und man streitet.

Das Ergebnis des Streites bekomme ich umgehend von Alois gesagt.

„Die Familie hat die Pacht ausgeschrieben und wir haben verloren.“

Ich höre noch ein paar Brocken wie:

„Wir haben doch jetzt einen guten Koch. Was wollt Ihr mehr?“

„Zu spät. Wir haben uns gekümmert.“

Die gehörten Worte sagen mir, ich sollte denen einen versauten Pachtvertrag retten. Und jetzt?

„Alois. Was ist jetzt mit mir?“

„Ja. Deinen Job hat jetzt ein Anderer.“

Das muss mir eigentlich Keiner zwei Mal sagen.

„Dann wird sicher der Andere mein Essen ausgeben heute.“

„Ne. Bleib und wir werden uns kümmern.“

„Wie? Habt ihr einen Ersatz für diese Arbeit?“

„Nein. Jetzt nicht.“

„Na dann. Tschüss!“

„Wir können Nichts machen, Herr Karl,“ sagte mir der Chef des Pachtunternehmens.

„Lohn für die zwei Tage?“

„Wir überweisen das. Geben Sie mir mal das Konto.“

Ich zeige ihm meine Karte und er schreibt die Nummer auf.

„Die Fahrtkosten habe aber ich bezahlt bis jetzt.“

„Die überweisen wir mit.“

Ich frag mich, ob die überhaupt ein Geld in der Tasche haben.

Jetzt packe ich, verabschiede mich, gehe zum Auto und verschwinde. Bis dahin war kein Vertrag unterzeichnet. Ich sollte den Lückenbüßer darstellen.

Die Zeit ist günstig. Es ist wenig Verkehr. Bis der Mittagsverkehr einsetzt, habe ich noch zwei Stunden Zeit. Das garantiert eine kurze Reisezeit zum Reschen.

Alfred ist überrascht als ich schon da stehe.

„Schon wieder Schluss?“

„Ich hab sie mit ihrem Essen stehen lassen. Sie wollten mich ersetzen.“

„Naja. Das klingt, als wollten die Dich gar nicht einstellen.“

„Joana war schon skeptisch.“

„Am besten, Du schickst Joana, Dir eine Arbeit versorgen.“

„Im Moment kann ich es noch. Aber, der Ratschlag ist nicht schlecht.“

„Wie fühlst Du Dich den jetzt als Zuhälter?“

Alfred lacht.

„Ich muss jetzt ganz schnell schauen, ob die Stellen schon besetzt sind, auf die ich mich beworben habe.“

„Mach hin!“

Ich gehe kurz bei Marco vorbei. Er bietet mir etwas zu Essen an.

„Ich habe gerade Kuchen gehabt. Danke.“

„Ich habe heute Vorspeisenbuffet. Anreisetag.“

„Hast Du Alles fertig?“

„Ja. Danke für Dein Angebot.“

„Ich gehe dann mal rauf.“

„Joana kommt gleich mit ihren Kolleginnen.“

Ich gehe mich ins Zimmer verdrücken. So richtig groß ist die Enttäuschung nicht. Ich hätte bei dieser Tätigkeit keine zwölfhundert Euro verdient.

Joana kommt aufs Zimmer. Sie weiß schon Bescheid. Ihre Enttäuschung hält sich auch in Grenzen.

„Zur Feier des Tages könnten wir ja mal ausgehen heute“, sage ich zu Joana.

„Wohin willst Du denn gehen?“

„Zu Ingrid in den Imbiss und zur Tankstelle zum Essen.“

„Das ist ein guter Einfall.“

Ingrid ist zwar ein Imbissbetrieb. Aber zu Essen hat sie nichts außer ein paar Keksen. Dafür hat sie aber einen guten Kaffee. Unsere Landsleute gehen auch gern Lotto spielen bei ihr. Zumindest erfahre ich dort die neuesten Nachrichten und bisweilen auch Stellenangebote aus der Umgebung. Ingrid hat bis auf den Kaffee und ein paar schöne Nachrichten, Nichts zu bieten. Also, gehen wir in die Tankstelle zu unseren türkischen Freunden. Uns begrüßt Agnes, ein ehemaliges ungarisches Zimmermädchen und Kollegin Joanas, die einen türkischen Kellner geheiratet hat. Yusuf, ihr Mann, ist jetzt der Chef in der Tankstelle. Wir setzen uns etwas in den hinteren Raum. Dort stehen Spielautomaten. An den Automaten stehen die alten Bekannten. Meist Saisonarbeiter aus den Skibetrieben. Alle grüßen freundlich und wollen wissen, wo ich jetzt arbeite. Kaffee aus dem Automaten und ein paar mit Schnitzel belegte Brötchen, sind unser Abendessen. Bis zur Schließung der Tankstelle ist das unser heutiger Ausflug.

Komisch. Ausgerechnet bei Gastarbeitern aus aller Herren Länder, findet Unsereins sofort Freunde und Gesprächspartner.

 

 

Tag 63

Tag 63

Joana weckt mich. Dieses Mal mit Kaffee. Sie steht extra wegen mir auf. Das ist mir eigentlich nicht recht. Ich möchte, dass sich Joana anständig ausruht. Mit dem frühen Aufstehen wird ihr Arbeitstag länger. Nach dem Frischmachen reden wir etwas miteinander. Joana ist skeptisch als sie meine Erzählungen hört. Normal wäre heute mein letzter Arbeitstag in dieser Woche. Joana hat aber mittwochs frei. Das ist der nächste Punkt, der mich beunruhigt. Wir haben nicht zusammen frei. Bei einem freien Tag pro Woche, ist das ein wesentlicher Punkt der gemeinsamen Freizeitgestaltung. Und der fehlt uns damit. Joana kann in ihrem Sommerbetrieb als auch bei Alfred, keinen freien Wochenendtag durchsetzen. Das bekommen nur Einheimische. Vor Allem, Einheimische mit Kindern.

Im Grunde können wir in unserer Branche schlecht Etwas planen. Unsere gemeinsame Freizeit ist grundsätzlich eine Fahrt ins Blaue. Wir können nirgends ein Hotel buchen, einen Besuch planen oder dafür gar einen Urlaub oder freien Tag beantragen. Wir werden bei solchen Anliegen auf die Zeit zwischen den Saisonen verwiesen. Gerade an Wochenenden ist es ungeheuer schwer, in der Gastronomie einen freien Tag oder ein regelmäßiges Frei zu bekommen. Genau aus dem Grund, passt ein Industriearbeitsplatz nicht zu einem gastronomischen Arbeitsverhältnis. Das ist auch der Grund für den extrem hohen Personalwechsel in unserer Branche. Der Witz ist eigentlich, dass Joana und ich auch, lieber unter der Woche frei haben möchten. Wir finden den Trubel an Wochenenden irgendwie zu belastend. Es kann durchaus sein, dass wir eine gewisse Menschenscheu entwickelten in unserem Gewerbe.

Freitags ist die Fahrt auf Arbeit kein Zuckerschlecken. Selbst zu der Zeit, zu der ich fahren möchte, ist schon gewaltig Bewegung. Vor allem bei Betrieben mit Transportaufgaben. In mir verfestigt sich der Eindruck, am Freitag wird versucht, die Versäumnisse der gesamten Woche aufzuholen. Vielleicht liegt es auch an der Art unserer Beschäftigungsverhältnisse. In den Alpen sind die Arbeitswege einfach zu lang. Montags fährt der Arbeiter zur Arbeit und freitags, zurück. Von Familienleben kann keine Rede sein in unseren Kreisen. Um diese Zeit, sind meistens Bewohner aus den Seitentälern unterwegs. Deren Leben ist erheblich unbequemer als das in der Nähe von Städten und Gewerbegebieten. Dafür sind diese Bewohner aber die besseren Autofahrer.

Der rege Verkehr konzentriert sich auf die Landstraßen. In den Ortschaften dagegen, herrscht bedrückende Ruhe. Viele würden jetzt das Sprichwort mit der Ruhe vorm Sturm anwenden. Gegen sieben Uhr soll sich das schnell ändern.

Ich bin schon angekommen. Vor dem Betrieb ist reger Verkehr. Die Parkplätze sind knapp wie überall. Streit gibt es aber keinen. Frei nach der Devise: „Wer zuerst kommt, malt zuerst“, trägt man ruhig die Verteilung der Parkplätze. Ein Westdeutscher würde jetzt lallen: „Das ist mein Parkplatz.“

Wir gehen, für mich das erste Mal, gemeinsam in Richtung Garderobe und Küche. Die Kollegen helfen mir beim Öffnen der Türen. Das ist der klare Beweis dafür, wie man ein Zusammenleben von nahezu einhundertfünfzig verschiedenen Völkern organisiert. In mir verfestigt sich tiefgreifend der Eindruck, die jetzige Welt wird von kriminellem Gesindel diktiert. Arbeiter haben keinen Streit untereinander.

Die Küche riecht heute genau so fürchterlich wie gestern und vorgestern. Wenn eine Räumlichkeit verpachtet wird, fühlt sich Keiner bei der dringend nötigen Hygiene angesprochen. Wir reden von purem Kapitalismus und dessen Auswirkung auf Gesundheit und Wohlbefinden.

Als Erstes kümmere ich mich wieder um die Ansätze und danach um die Semmeln. Die Kollegen haben mir die mit hoch getragen.

„Heute sin wenige“, sagt mir ein polnischer Kollege.

„Wie, wenige?“, frag ich zurück.

„De Kollege sin auf Schule.“

„Den ganzen Tag? Oder kommen sie zu Mittag wieder?“

„Da kommt Keiner.“

In der Ausgabe liegt ein Zettel. „Heute kommen fünfzig Kollegen weniger.“

Das passt mir gut. Ich hab es freitags gern etwas gemütlicher. Freitags sind zusätzlich einige Produkte zu verpacken und zu beschriften. Das dauert in aller Regel eine halbe Stunde nach Feierabend.

Mein Menü für heute ist denkbar einfach:

Salatbuffet

Nudelsuppe

Polenta Gorgonzola

Risotto al Verdura

Rindsgulasch, Spätzle

Gefüllte Zucchini, Ofenkartoffel

Aprikosenjoghurt

Mein Dessert ist praktisch fertig. Die Polenta muss ich recht zeitig aufsetzen. Die koch ich gern im Wasserbad. Das Gulasch ist bereits geschnitten. Das muss ich nur mit Gewürzen, etwas Paprika und Öl vermengen. Den Rest macht der Dämpfer. Für die gefüllten Zucchini muss ich die halbieren, entkernen und das Innenfleisch mit Brot und Käse kuttern. Ich gebe etwas Oregano, Knoblauch, Salz, Pfeffer und eine winzige Prise Zucker dazu. Die Temperatur für den Gulaschansatz ist auch sehr gut für das Gratinieren der Zucchini geeignet. Alles passt. Ich gebe gleich ein paar Kartoffeln in einem abgedeckten Gastronorm dazu und fülle etwas Wasser unten drunter. Eine Schnelldampfmethode, fast so gut wie ein Schnellkochtopf. Ich schäle im Winter gern meine Ofenkartoffel. Kartoffeln werden im Winter etwas behandelt. Das will ich meinen Gästen nicht antun, indem ich die Kartoffeln mit Schale serviere. Genau deshalb, koche ich meine Ofenkartoffeln etwas vor. Nach dem Abschrecken, lassen sich die Kartoffeln wirklich schnell und sehr leicht schälen.

Danach brauche ich die Kartoffeln nur noch halbieren, würzen und backen.

Das Gemüse für den Risotto und für die Nudelsuppe ist schon gefroren da. Also, keine Probleme.

Ruth kommt und macht uns den Kaffee.

„Wie geht es Dir, Ruth?“

„Und Dir?“

„Mir geht es beschissen wie immer.“

„Was! Gefällt es Dir hier nicht?“

„Nein. Das sage ich aus Gewohnheit. Wenn es mir gut gänge, wäre ich sicher nicht auf Arbeit.“

„Das hast Du auch wieder Recht.“

Ruth lacht. Das ist ein Lachen, welches ich sehr selten sehe in Südtirol.

Fortsetzung folgt

 

Tag 62 Fortsetzung

Als ich zur Küche zurück kam, roch es bereits nach frischem Kaffee. Ein Klappern in der Küche ist zu hören. Geschirr- und Besteckgeräusche.

„Ich bin Ruth und Du?“

„Karl.“

Ehrlich; ich bin fast erschrocken. Nicht, weil da eine Person da ist, sondern, was für eine.

„Hast Du Alles fertig?“

„Ich denke.“

„Das gebe ich aus. Du machst den Nachschub.“

Ruth hat etwas Kuchen mitgebracht.

„Wo war der?“

„Im Lager. Ich zeige Dir das dann.“

„Ich brate Dir schnell noch Leberkäse und lege den in die Bain Marie.“

„Danke.“

Ruth‘s Anwesenheit kann für mich nur ein Glücksfall sein. So habe ich genug Zeit, das Menü zu kochen.

Salatbüffet

Gerstsuppe mit und ohne Selchfleisch

Lasagne

Pasta Napoli

Rippele, Bratkartoffel, Sauerkraut

Bratwurst, Bratkartoffel, Sauerkraut

Vegetarische Krautroulade, Bratkartoffel, Sauerkraut

Erdbeer – Cremeschnitte

Die Cremeschnitte ist schon fertig. Die Lasagne auch. Die muss ich nur in den GN-Behälter und in den Backofen geben. Die vegetarische Krautroulade kommt aus dem Trentino. Die ist gefroren. Die gebe ich mit in den Dämpfer. Die Bratkartoffeln sind gefroren vorrätig. Wahrscheinlich hat mein Kollege den Wechsel gut vorbereitet. Das Fleisch für die Rippele hängt bereits im Kühlhaus. Mir fällt ein Stein vom Herzen. Ich bringe mir das gleich in die Küche, würze es und hänge es in den Dämpfer ein. Die Lasagne hänge ich in den gleichen Dämpfer, bei gleicher Temperatur.

Danach gebe ich das Sofritto für die Gerstsuppe

in den Topf und stelle ihn zum Anschwitzen auf das Gas. Die Gersten rühre ich gleich dazu. Jetzt lösche ich die Gersten ab, würze mit Trockenbrühe, Salz, Pfeffer und einer Prise Zucker. Es fehlt ein Stück Selchfleisch. Ich gehe zurück ins Kühlhaus und suche. Und schau; es liegen sechs herrliche Selchhaxen im Regal. Die gebe ich sofort nach dem Auspacken in den Dämpfer. Das Sauerkraut setze ich im Topf an. Die Penne habe ich bereits im Nudelkocher fertig. Die Tomatenpolpa würze ich schnell etwas und fülle sie in den Einsatz und hänge das in die Bain Marie. Bis Mittag wird das warm.

Eigentlich ist das Essen jetzt bereits gekocht. Ich könnte wieder gehen, wenn es Jemand rechtzeitig aus dem Ofen nimmt und etwas portioniert.

Ruth sagt, den Salat macht sie. Was will ich mehr?

Zum Glück werde ich noch beim Frühstück benötigt. Sonst würde es schon langweilig werden. Belegte Brötchen und Leberkäse sind nachzumachen. Frankfurter und Meraner scheinen auch Aus zu gehen.

Die sind nicht vorrätig. Ich frage Ruth, woher ich die jetzt bekomme. Ruth lacht mich aus.

„Du arbeitest in einer Metzgerei!“

Ruth ruft kurz eine Nummer an und etwa fünf Minuten später steht ein Kollege im Fleischerhemd vor mir mit den Wüsten in einer Schüssel. Die Bratwürste sind dabei. Er grüßt freundlich mit seinem ungarischen Akzent.

„Hier. Deine Würstelen!“

„Danke, mei Gutster.“

„Ah. Ein DDR – Koch.“

„Speck, Fleisch und Leberkäse kann ich dann wohl bei Dir bestellen?“

„Nein“, ruft Ruth. „Wir sind eine andere Firma.“

Der ungarische Kollege geht.

„Wieso nehmt Ihr Eure Ware nicht von dem Metzger?“

„Der ist zu teuer für unsere Arbeiterversorgung.“

Kapitalismus pur. Man stellt in einem Schlachthof, Produkte her und bezieht den Eigenbedarf für seine Kollegen, die das herstellen, wo anders. Man hat in dem System wirklich Schwierigkeiten mit Rechnen und Abrechnen.

Die vorgebackenen Bratkartoffeln frittieren wir zur Ausgabe. Wahrscheinlich muss ich nicht mal das Essen ausgeben. Der Betrieb gefällt mir immer mehr, trotz seiner logistischen Schwächen.

Nachdem ich das Essen fertig gekocht habe, gehe ich ans Portionieren. Ich frage Ruth, wie groß sie die Lasagnen und das Fleisch portionieren. Sie zeigt es mir.

So. Der Ausgabe steht jetzt eigentlich Nichts mehr im Wege. Wir haben noch etwas Zeit. Ruth spendiert einen Kaffee.
„Kaffee gibt es auch Draußen im Automaten. Dafür brauchst Du einen Personalchip. Dieser Kaffee hier muss gekauft werden.“

Ich hatte mich schon gewundert, dass so wenig Kaffee verlangt wird.

„Rauchst Du, Ruth?“

„Ja.“

„Jetzt können wir Eine rauchen gehen.“

„Ich komm‘ mit.“

Wir brauchen fast zehn Minuten, um vor das Betriebsgelände zu kommen. Die gleiche Zeit zurück, ergibt, zehn Minuten Zeit für eine Zigarettenpause.

„Das hat eine amerikanische Firma, für die wir produzieren, verlangt.“

„Was? Dass hier nicht geraucht werden darf?“

„Genau das.“

Eine fremde Firma, die hier einen Auftrag vergibt, verlangt, dass ihre fremden Arbeiter, die den Auftrag herstellen, nicht rauchen. Ich frag mich, warum die ihren Müll nicht selbst herstellen und verzehren. In meinem Leben hätte ich keinen solchen Vertrag unterschrieben. Die Not muss wirklich groß sein, bei solchen Verträgen.

Wenn die Firma aufgibt, war‘s das. Nur so kann man in Südtirol, Chicagoer Verhältnisse bekommen. Und ich dachte, hier stehen schon genug leere Ruinen.

Wir rauchen jeder zwei Zigaretten. Irgendwie könnte man glauben, wir würden die Dinger fressen. Das ist wirklich ungesund am Rauchen. Zum Rauchen gehört Zeit und Genuss. Erst dadurch macht Rauchen, erfinderisch.

Zurück in der Ausgabe, kann es los gehen. Und schon kommen die ersten Kollegen. Ich denke, sie kommen Abteilungsweise. Irgendwie höre ich das an ihren Gesprächen. Alle grüßen freundlich und fragen Ruth, ob ich der Neue bin. Das Getuschel bekomme ich nicht mit. Das interessiert mich auch nicht. Streng ausgelegt, würde ich jetzt behaupten, dass mich die Männer eher ansprechen und mit mir ein Gespräch suchen. Die absolute Mehrzahl der Arbeiter aber, sind ganz sicher nicht von hier. Einige schauen mürrisch. Mir gegenüber, sind sie dennoch extrem freundlich. Sehe ich da ein verstecktes Klassenbewusstsein? Mir scheint, den Arbeitern ist ihre wie unsere Lage, klar. Jetzt kommen sogar Kollegen im Turban. Sofort wird mir klar, warum ich in einem Schlachthof, vegetarisch kochen soll. Die Not in Indien muss wirklich groß sein, wenn Vegetarier gezwungen sind, in Schlachthöfen, weit entfernt von der Heimat, zu arbeiten.

Die Ausgabe ist relativ zügig vorbei. Ein paar Bratwürste musste ich nachkochen. Das war so auch geplant.

Nach dem Mittag putzen wir umgehend die Küche und verabreden uns auf morgen. Es ist noch nicht einmal um Zwei. Gelegentlich kommt noch ein Fahrer und möchte ein Mittagsessen. Wir schöpfen das aus den ausgehangenen Töpfen. Die Töpfe müssen nur abgedeckt werden. Es gäbe noch eine Resterverwertung in der Spätschicht. So zu sagen, eine kostenlose Zugabe. Damit ist ja der Kreislauf schon mal gesichert.

Nach dem Umziehen gehen wir zusammen zu unseren Autos. Ruth geht noch in den Betriebsshop einkaufen. Ich verabschiede mich jetzt zum zweiten Mal. Ruth muss lachen deswegen.

Die Reise in Richtung Reschen ist gemütlich. Es gibt keinen Stau und keine Unterbrechungen. Oberhalb Mals sind alle Straßen frei. Stellenweise sehe ich sogar den Straßenbelag. Das Salz greift.

Alfred und Joana haben mich erwartet um die Zeit. Sie stehen vorm Haus und Joana raucht. Ehrlich gesagt, bin ich jetzt etwas müde. Ich möchte einen kurzen Mittagsschlaf halten. Wir verabreden uns mit Alfred auf Abend.

 

 

Tag 62

Tag 62

Joana weckt mich schon, bevor das Telefon klingelt. Es ist um Drei. Wer um diese Zeit aufsteht braucht sicher eine Stunde, um halbwegs normal zu sein. Ich kann sofort den Beruf Bäcker verstehen. Meine Knochen sind noch steif wie ein Brett. Großartig essen muss ich nicht. Kaffee ist wichtig. Die Maschine läuft, während ich im Bad bin. Eine Tasse trinke ich hier und den Rest nehme ich mit.

Auf der Fahrt treffe ich Keinen. In knapp vierzig Minuten bin ich schon in Schlanders. Am Tor sagt mir ein Wärter, ich soll mein Auto Draußen parken. Der Parkplatz steht voll. Ich muss Etwas suchen. Dabei rauche ich schnell noch Eine. ‚Acht Stunden ohne Tabak...‘, denk ich mir. Ich sage dem Pförtner, dass ich in die Küche muss und der neue Koch bin. Er zeigt mir den Weg, den ich gehen soll. Das ist ein Extraaufgang. „Die Garderobe ist Oben.“

„Danke.“

„Die Semmeln sind vor dem Aufgang.“

Ich schau hin. Dort stehen zwei Riesensäcke aus Papier. Dafür muss ich sicher zwei Mal gehen. Mein Gepäck und die Semmeln sind zu Viel zum Tragen.

„Dort ist ein Fahrstuhl“, ruft mir der Wachmann leise hinterher und zeigt auf die damit markierte Tür. Jetzt brauche ich wenigstens die Semmeln nicht per Hand hochschleppen.

Die Küche ist, bis auf ein Notlicht, stockdunkel. Ich suche die Schalttafel, die mir der Kollege am Tag vorher zeigte. Ein Hauptschalter ist zu betätigen. Die Küche riecht nicht besonders gut. Es riecht nach altem Fett. Der Kollege hat an seine Anschlagtafel das Menü von Heute geschrieben. Das erspart mir damit langes Suchen. Im Küchenbüro hat er zudem die Menüs für die gesamte Woche geschrieben. Ich muss dann Alois anrufen, ob dafür schon die Bestellungen abgegeben wurden.

Zuerst setze ich einen Topf für die Brühe auf und fülle den Pastakocher. Die Küche läuft auf Gas und ich fummele fast zwanzig Minuten mit Papierstreifen und Holzstäbchen, die Zündflammen an zu bekommen. Eine fürchterliche Erfindung. Zwischendurch hatte ich Zweifel, ob ich den Haupthahn, statt auf, zu gestellt habe. Mit den angeblichen Sicherheitsstandarts hat man Profiküchen, unbrauchbar gemacht. Die Bain Maries laufen auch auf Gas. Ekelhaft. Ich schalte die Lüftung ab. Jetzt springen die Zündflammen an. Eine halbe Stunde ist weg. Im Westen hat man einfach keine Ahnung davon, funktionierende Profiküchen zu bauen. Wenn ich an unsere Ascoblock und Nagema denke, kommen mir bei Anblick dieser Schrotthaufen die Tränen. In der ersten Stunde macht sich schon eine Art Verzweiflung breit. Zunehmend erklärt sich mir die Kündigung meines Kollegen. Ich stelle mir gerade vor, wie ich das den Beamten des Arbeitsamtes erklären soll, dass es einfach unmöglich ist, auf diesem Schrottplatz zu arbeiten, ohne einen Gesundheitsschaden ab zu bekommen. Mir scheint, dass das auch der Grund dafür ist, warum die Küchen verpachtet werden. Selbst möchte man sich offensichtlich nicht blamieren vor seinen Angestellten.

Der Migrant soll also wieder Mal den Prellbock spielen für ein schlampiges Managment. Ich bin mir fast sicher, dass, wenn die Küche neu gebaut ist, es kein Migrant schafft, dort einen Arbeitsplatz zu bekommen.

Nachdem ich die Technik an bekommen habe, geht es ans Belegen der Semmeln. Im Kühlfach unter der Aufschnittmaschine liegt mein Aufschnitt für das Frühstück. Mit dem Käse, sind es drei Sorten. Auf einen Zettel hat mir der Kollege beschrieben, wie ich die Semmeln belegen soll. Auf einer Waage mach ich die Probe. Die Brötchen werden dicht belegt. Arbeitslose bekämen Tränen in den Augen bei dem Anblick. Immerhin müsste ein Kunde im Geschäft, knappe drei Euro für einen Semmelbelag zahlen. Bei zwei Semmeln macht das sechs Euro. Im Monat, einhundertzwanzig, was der Arbeiter zu Hause spart. Beim Belegen der Brötchen komme ich etwas in Verzug. Irgendwie muss mir jetzt Etwas einfallen. Sonst stehe ich da und meine Semmeln sind nicht fertig. Zuerst rühre ich mal die Fertigsuppe in das kochende Wasser. Dann befülle ich die Bain Maries mit frischen Frankfurtern, Meranern, der Suppe und zwei Behälter mit Reservewasser. Die Frühstückseier koche ich gleich in der Verpackung. Die Bratplatte ist noch einzuschalten für Spiegelei und Leberkäse. Das Rührei hat mir der Kollege schon aufgeschlagen und ins Kühlhaus gestellt. Ich werde das in den kommenden Tagen durch Flüssigei ersetzen müssen. Immerhin spare ich mir damit eine halbe Stunde, die ich allein für das Eier aufschlagen benötigen würde. Jetzt kann ich zu den Semmeln zurück. Ich schneide jetzt eine ganze Portion in die Hand und verteile das nach dem Auflegen auf die Semmel etwas. Das funktioniert. Ich brauche nur noch die halbe Zeit.

Den Leberkäse schneide ich zuletzt. Jetzt habe ich wirklich noch fünfzehn Minuten bis zur Öffnung. Zigarettenpause. Wo rauche ich jetzt meine Zigarette? Auf der Toilette? Oben, auf dem Feuerleitereingang zur Küche? Ja. Genau dahin gehe ich jetzt, um eine zu rauchen..oder zwei.

Fortsetzung folgt