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Fortsetzung Tag 82

Ich fahre das unglaubliche Geschlängel auf den Weinberg. Es gibt gelegentlich Gegenverkehr. Oft glaube ich, deren Fahrer sind nicht besonders nüchtern oder sehr abgelenkt. Die Straße ist mit reichlich kleinen Steinen belegt. Sie fährt sich fast wie ein Kiesweg. Die Reifen halten hier nicht besonders lange. Im Winter fahre ich immer recht weiche Reifenmischungen. 
Statt Unten zu parken, fahre ich wieder bis ans Hotelrestaurant. Kaum bin ich Oben, schauen mich wieder böse Augen an. Dieses Mal durch das Fenster. Also ohne Geschrei. Unter dem Helm hätte ich das eh kaum vernommen. Mir ist das auch egal. Entweder sucht man einen Koch und der kommt bis zu seinem Arbeitsplatz oder man sucht einen Wanderer. In den eher abgelegenen Hütten muss ich Beides sein. Bis jetzt ist das Motorrad aber meins. Die Verantwortung dafür habe ich. Schäden bezahlt mir keiner dieser Arbeitgeber. 
Ich gehe an der Rezeption vorbei, grüße und die gesetzte Frau zeigt mir, wo ich mich umziehen kann. Mit einem Blick in die Runde,versuche ich zu erkunden, ob irgendwo Kameras versteckt sind. Joana hat schon in Hotels gearbeitet, in denen selbst ihr Umkleideraum mit Kameras überwacht wurde. Die kranken Familienmitglieder haben sich mit dem Kino den Büroalltag etwas befeuchtet.
Oder war das eher die Vorauswahl für ein neues Familienmitglied? Vielleicht war der Mitschnitt auch ein Tauschgegenstand auf diversen Tauschbörsen. Jedenfalls fiel es Joana schwer, einem solchen Arbeitgeber die Hand zu geben. 
In der Küche angekommen, begrüßen mich die Kollegen. Zwei sind Sarner und einer ein Bozner. Alle sind sehr freundlich und extrem hilfsbereit. Über den Betrieb oder die Arbeitsbedingungen konnte ich keinen meiner neuen Kollegen ausfragen. Sie schauten sich immer um bei ihren spärlichen Antworten. Und da soll mal Einer von der Stasi und DDR erzählen. Ich würde den glatt als krank ansehen. 
Sie zeigen mir die Karte, das Tagesmenü und sagen mir, ich hätte den Grillposten. Das wäre eigentlich der gemütlichste Posten in der Küche. Wieso geben die Altkollegen ausgerechnet dem neuen Koch diesen Posten? Normal hätte ich mich beim Salat oder in der Vorbereitung der Kalten Küche vermutet. Irrtum.
Wenig später darf ich schon erfahren, warum dieser Posten mir zugefallen ist. Ich stehe dem Chef genau gegenüber. Der Chef macht die Annonce. Ich finde das schon mal sehr rühmlich. Ein Chef arbeitet in seinem Betrieb aktiv mit und kontrolliert die Qualität der Speisen. Ich dachte erst, ‚hier bin ich richtig.‘ Den gewaltigen Irrtum konnte ich schon bei der ersten Ausgabe miterleben. 
In den wenigsten Betrieben und besonders in Betrieben, die von Frauen geführt werden, finde ich den Chef des Betriebes aktiv bei der Ausgabe der Speisen. Manchmal arbeiten die Frauenchefs als Barfrau und oft, sitzen sie wie angenagelt im Büro auf dem Thron. In zwei Betrieben auf der Seiser Alm, haben die Frauen aktiv ihre Firma geführt. Das ist ja fast schon sozialistisch. Unsere Ausbildung für die Kollektivführung in der DDR war genau auf diesen Punkt ausgerichtet. Das nannte sich Vorbildfunktion. Davon sind wir wirklich sehr weit entfernt. Das beherrschen höchstens unsere Eltern und Großeltern hier in Südtirol. Also genau die, welche die Firmen aufgebaut haben und die unglaublich harten Finanzierungen durchstanden. 
Eine der ersten Bestellungen ist Spiegelei Speck Röstkartoffeln. Generell bereite ich mir eine Gewürzmischung vor, die ich in Öl auflöse. In neuen Betrieben zeige ich anfangs nicht alle meine Tricks. Wobei meine normalen Ansätze hier schon mitunter als Trick wahrgenommen werden. 
Die Ölmischungen haben den Vorteil, nicht einen einzigen Bestandteil der Mischung zu offenbaren. Nur das Öl wird gewürzt und das spurlos. Hätte ich für die Röstkartoffeln die Mischung eingesetzt, wäre der Arbeitstag eventuell länger ausgefallen. 
Ich habe die Gewürze als Trockenmischung benutzt. Insgesamt gesehen, war das aber kein Fehler. Ich würze also die Röstkartoffeln, die neben dem Spiegelei auf der Bratplatte liegen, mit Salz, Pfeffer, gemahlenem Kümmel und Majoran.
Der Chef sieht das.  Ich habe in meinem Leben noch keinen Nervenzusammenbruch erlebt. So in etwa muss das aussehen. 
„So gehen bei uns Röstkartoffeln nicht.“
„Wie? Sind die zu lasch oder zu wenig knusprig?“
„Mit den Gewürzen, das ist zu Deutsch und zu wenig Südtirolerisch.“
„Naja. Was ist denn falsch?“
„In Südtiroler Röstkartoffeln kommt nur Salz und eventuell, Zwiebel.“
„Ja, Aber die Kartoffeln kommen nicht aus dem Pustertal, dem Vinschgau oder aus dem Trentino. Die kommen aus Bayern. Und das sind doch wohl die schlechtesten Kartoffeln auf dem Markt.“
„Trotzdem. Die gebe ich nicht meinen Gästen.“
Meine Kinder waren besser drauf als so ein Troll.
„Mach das noch Mal.“
Inzwischen kommen meine Kollegen, die Röstkartoffeln kosten. „Sauguat!“, rufen sie. ‚Oh‘, dachte ich, die spielen jetzt offen mit ihrer Entlassung. Naja, Das erspart denen wenigstens den extrem langen Arbeitsweg ins Sarntal. Ob das deren Frauen recht ist, darf ein Anderer fragen.
Der Gast wartet jetzt schon eine halbe Stunde. Auf ein Spiegelei. Zu dem Ei kommt jetzt eine Bestellung rein, bei der Leber Venezianisch drauf steht. Das Zwiebelsugo habe ich schon hergestellt im Rahmen meines mise en place. Allgemein nehme ich zwei, drei scharfe Messer mit auf Arbeit. Was auf deren Arbeitsplätzen rumliegt, haben wir in der DDR auf den Schrottplatz geschafft. Wir wurden mal ausgelacht, weil wir mit den Weißblechmessern arbeiteten. Die muss der Koch öfter schärfen. Das geht bei diesem Stahl extrem schnell. Fleischer arbeiten relativ gern mit so weichem Stahl. Nur bei Brettarbeiten ist das ein leichter Nachteil. 
Ich schneide also ein Stück Kalbsleber ab, das fast schon Rindsleber ist und lege es auf die Bratplatte neben die Röstkartoffeln.
„Was wird das?“
„Für die Venezianische.“
Seine Haare stehen. Die Haare oder das Toupet. Er schlägt eine klappbare Hilfsausgabe hoch und kommt in die Küche gestürmt. Er reißt mir mein Messer aus der Hand und schneidet die Leber in millimeterdicke Scheibchen.
„Das ist Venezianische Leber!“
„Ja. Die schneiden Sie gerade mit meinem Messer. Mit Ihren Messern würde Ihnen das nicht gelingen.“
„Braten Sie die Leber so.“
„Ich trockne Ihnen gern die Leber auf die Art, wenn Sie das wollen. Auf meine Art, brate ich die Leber im Stück saftig und schneide sie danach millimeterdick in die Sauce. Dafür wurde ich schon im Corriere und auf der Seiser Alm gelobt.“
„He? Corriere? Haben Sie das mit als Empfehlung?“
„Für Trottel schleppe ich sicher alle meine Empfehlungen mit. Tschüß! Wenn Sie Röstkartoffeln und Leber gerne versauen, machen Sie sich das bitte selbst. Ich arbeite nicht mit Idioten.“
Ich gehe mich umziehen und schleunigst das Haus verlassen. Geld will ich von so einem Kasper keins. Der ist allein damit bestraft, sich ständig neue Köche suchen zu müssen. Und das kostet ganz sicher den halben Fuhrpark bei dem. Als ich aus dem Haus gehe, fiel mir auf, das Geld fehlt dem sicher auch bei der Instandhaltung seines Restaurants. Allein der Blick in die Küche reicht.
Ich eiere den Hang runter und bin innerlich froh, dort nicht länger arbeiten zu müssen. Schade für den wirklich schönen Platz mit einem entzückenden Blick auf Bozen und das Unterland. Der Platz hat wirklich hat Besseres verdient. Die Natur wird das regeln müssen für uns. Meine Südtiroler Nachbarn würden sagen, Gott erledigt das.
Eigentlich bin ich froh, so zeitig die Heimfahrt antreten zu dürfen. Es gibt reichlich Anfragen, bei denen ich sicher auch etwas Geld verdiene. Der gleiche Arbeitgeber, der mir die Familie in Vezzan empfahl, hat einen Platz in Klausen für mich. Arbeiterversorgung. Ich soll die Klausener Abfahrt nehmen und er erwartet mich morgen dort. „Eine Urlaubsvertretung“, sagt er. Also nichts wie hin. 
Nach Klausen fahre ich mit dem Motorrad halb so lange im Vergleich mit den Bozner Weinbergen. 
Zwar sind das mehr Kilometer. Aber weniger Zeit. Und das lockt mich. Ich habe nach dem Mittag frei. 
Der Dienst beginnt recht zeitig. Ich muss praktisch halb Fünf mit Joana aufstehen und schnell fahren. 
Das passt.
Zu Hause steht meine liebe Paula auf dem Balkon. Sie winkt. „Wo bist Du jetzt?“
„Ich war heute in Bozen am Weinberg.“
„Dort würden mich keine zehn Pferde hinbringen.“
Nach dem Umziehen darf ich endlich zu meiner Joana. Verkehr ist wenig. Ich komme extrem schnell auf den Reschen und gehe auch noch tanken. Umweltfreundlich. Für dreißig Cent pro Liter weniger. Ich stelle mir gerade vor, den Weg müsste ich mit einem Fahrrad fahren. Leider bin ich kein Täve Schur. Aber selbst Täve würde darüber lachen. In seiner Freizeit. Koch sein, heißt von sich aus Leistungssport. Ich weiß nicht, ob er diese Strecke nach einem Küchendienst fahren würde. 
Alfred steht mit Dursun vorm Hotel. Das Lächeln ist etwas verkrampft. Keine Gäste. Und das trotz Ferien. Alfred hat nicht voll. Den Gästen ist wahrscheinlich der Saisonpreis zu hoch. Sie blieben kürzer. 
Marco ist schon fertig, aber noch da. „Dein Essen ist schon Oben. Wie war‘s heute?“
„Wie immer. Kurz. Morgen bin ich in Klausen.“
„Sag Bescheid, wenn Du nach Sterzing musst. Ich kenne da eine Abkürzung.“
Mit Joana rede ich Oben über Klausen. 
„Na. Wenigstens kein Totalausfall.“
„Ich muss mit Dir raus. Halb Sieben soll ich in Klausen sein.“
„Da hast Du wenigstens freie Straßen.“
Nach dem Duschen bleibt etwas Zeit für Liebe. Das  wird mich sicher etwas freundlicher erscheinen lassen morgen.

Tag 82

Tag 82

Gestern bat ich Joana, mich mit zu wecken wenn sie aufsteht. Heute tut sie das und wir können wieder Mal zusammen unseren ersten Kaffee trinken. Sie findet meinen Arbeitsweg etwas lang. Ich soll zu Hause übernachten, wenn ich in Bozen arbeite. Innerlich macht mich das krank. Nicht etwa vor Eifersucht. Ich brauche abends Jemand zum Reden. Joana braucht das auch. Wir sind in diesem Umfeld aufgewachsen in der DDR. Da gab es keinen Grund, schweremütig zu sein. Das erinnert mich an ein schönes Zitat aus Crocodile Dundee. Man erzählt seinen Kollegen oder Freunden etwas von dem, was einem bedrückt und schon weiß es der ganze Ort. Die Freunde und das Kollektiv reagieren unterschiedlich darauf und schon wächst die Chance, den Schweremut wirksam zu beseitigen. Das hat mir geholfen, ein Leben lang, lächelnd auf Arbeit zu kommen. Das Verhalten erfordert einen gewissen Grad an Naivität. Unter Freunden und echten Kollegen dürfte das kein Problem sein. Das Problem entsteht erst, wenn sich keine Gelegenheit findet, Freundschaften aufzubauen.

Joana duftet heute, wie ein Abteil eines edlen Parfümladens. Sie sagt mir, sie hätte von einem Gast ein Sortiment Proben geschenkt bekommen. So als Trinkgeld. Ich frage sie, ob sie dafür sein Zimmer ohne Unterhosen geputzt hätte.

„Der Einfall ist nicht schlecht“, war die Antwort.

Wir gehen zusammen zu Marlies. Es klingt wie ein Witz, aber unser Kaffee steht schon da. Wer horcht an unserer Tür? Woher weiß Marlies, wann wir runterkommen.

Marlies hat offensichtlich den gleichen Hotelgast bedient. Sie duftet auch wie ein Rosenbeet. Sie bevorzugte eine andere Probe. Dursun und Alfred sind auch da. Alfred sieht etwas matt aus. Dursun scherzt und sagt, er sähe immer so aus, wenn wenig Gäste im Haus sind. Und schon sind wir bei der Behandlung von Schweremütigkeit.

Auf Alfreds Nachfrage, erzähle ich von Bozen. Er kennt den Betrieb. Ach den Chef. „Ein Trottel“, sagt er beiläufig. In den Hotelierskreisen kennt man sich länderübergreifend, scheint mir. Je weiter ich von einem Hotelier weg bin, desto ehrlicher wird die Meinung der Kollegen über ihn. Erstaunlich. Langsam aber sicher wird es Zeit, ein Portal der Saisonarbeiter aufzubauen, die dort ihre Arbeitgeber bewerten können. Da stünden sicher mehr Einsternebewertungen als auf diversen Hotelbewertungen diverser Reiseportale. Und die wären sicher wahrer als jene bei den Hotelbewertungen der Reiseportale. Das setzt natürlich eine Mitgliedschaft voraus. Ich stelle mir gerade vor, wie viele arbeitslose Anwälte bei so einem öffentlichen Portal, eine Beschäftigung fänden. Unterdrückung beginnt mit der Zerschlagung von Geschlossenheit. Dabei sollte dem Arbeiter klar sein, dass alle Unterdrücker, geschlossen agieren. Auch, wenn es Einem so, nicht besonders auffällt. Die Leute eint eine oder mehrere Charaktereigenschaften.

Alfred tröstet mich und sagt: „Such weiter. Es ist bald Sommersaison. So, hast Du auch ein kleines Auskommen.“ Der Trost tat gut. Ich dränge etwas. Eigentlich wollte ich gegen Acht da sein. Neun würde auch reichen. Aber, am ersten Tag...soll es eher etwas überpünktlich sein.

Marlies drückt mir eine Semmel in die Hand. Mit Speckfett. Hierzulande nennt sich das wohl Grammelschmalz. „Wir haben auch frisches Gehackertes gemacht. Willst Du das auch mal probieren?“ Gehackertes ist praktisch geräucherte Bratwurst ohne Darm. Mancherorts wird das mit Darm auch als Knacker verkauft. In Sachsen zum Beispiel. Luftgetrocknet ist das eine Kaminwurzen.

Eigentlich bin ich nicht unbedingt für Frühstück. Und schon gar nicht in der Dimension. Ich kann mir das aber für abends aufheben. Vor allem, wenn ich nicht mehr nach Nauders komme nach dem Dienst.

Die Fahrt heute wird ein Klacks. Auf der Hauptstraße ist kaum Verkehr. Und das bleibt bis Schlanders so. Ich sehe auch kaum Schwerverkehr. Mittwoch scheint sich als Umwelttag in Südtirol zu etablieren. Immerhin richtet ein Lastkraftwagen, Umweltschäden für zehntausend normale Personenkraftwagen an. SUV‘s sind davon ausgenommen. Ein Idiot in so einem Panzer richtet mehr Schaden an als ein professioneller Lastwagenfahrer mit einem großzügigen Zeitfenster. Die sind leider knapp. Genau in dem Augenblick begegne ich einem Mila Lastwagen. Ein Genuss. Das sind die Einzigen, die Rechts fahren können in Südtirol. Jedes Mal, wenn ich so einem Lastwagen begegne, zuckt mir die Hand für einen Gruß und ein Dankeschön. Tankwagen erfordern ein besonderes Geschick. Die Jungs fahren eine Flüssigkeit. Unsereiner hat schon Probleme, zu Zweit einen gut gefüllten Topf zu transportieren. Nun stellen Sie sich vor, das tausendfache Volumen bewegt sich in ihrem Kofferraum und in Ihrem Anhänger. Erst dann können Sie wirklich einschätzen, was diese Jungs beherrschen. Stellen Sie sich vor, Sie machen eine starke Bremsung und die zehntausend Liter drücken an Ihrem Sitz unmittelbar nach der Bremsung. Sie würden staunen, was sich Alles aus Ihrem Darm zu befreien versucht. In Sibirien war ich sehr oft mit solchen Lastwagen unterwegs. Ich hatte jedes Mal Krämpfe in meinen Händen. Vom Ankrallen an allen möglichen Griffen, die zu dem Zeitpunkt erreichbar waren.

Kurz vor der Töll in Partschins, bildete sich ein Stau. Ich weiß nicht warum. Meines Erachtens, gibt es dort immer Stau am frühen Morgen. Ein Nadelöhr. Ich habe das Fahrzeug getauscht und bin mit meinem Motorrad unterwegs. Ich kann mich gut durchdrängen.

Ich denke an die Zeit zurück, als wir dort noch die Serpentinen in Richtung Forst fuhren. Fast jeden Morgen gab es Stau wegen eines Unfalles. Ich möchte jetzt nicht die vielen Krüppel zählen, die allein an dieser Stelle zu beklagen waren. Das Motorrad war für mich das einzige Fahrzeug, bei dem ich dort die Chance hatte, gesund durch zu kommen. Geschnittene Kurven und mangelnder Rechtsverkehr, waren nicht selten Ursache sehr böser Unfälle mit erheblichen Schäden. In Touristensaisonen war diese Straße lebensbedrohlich.

Ich komme flüssig durch mit knapp zehn Minuten Zeitverlust.

Auf der MEBO fährt unser Arbeiterverkehr recht flüssig, auch etwas schneller als vorgeschrieben. Ich denke, das ist so geduldet und vielleicht sogar erwünscht. In Bozen mache ich schnell die Bekanntschaft von echtem Zeitverlust. Wer durch die Stadt muss der Arbeit wegen, verliert pro Tag sicher eine Stunde. Bei vier Arbeitswegen, doppelt so viel. Mit dem Zweirad hat man wenigstens die Chance, Lücken zu nutzen. Die Zweiradfahrer sind damit schon mal die pünktlichsten auf Arbeit.

Fortsetzung folgt

Fortsetzung Tag 81

Arbeiterrinnen, Jugendliche und ältere Bürger, mussten keine Angst haben, das Haus zu verlassen. Sie wurden nicht mit kriminellen Verträgen betrogen und nicht von Banken und korruptem Gesindel enteignet.

Der Kollege fragte mich in seinem Kölner Dialekt, ob mir die Stelle zusagt. Ich bitte ihn, etwas Geduld zu haben und gebe ihm meine Telefonnummer.

„Das ist keine Zusage“, entgegnet er mir.

„Ich habe gedacht, in die DDR hätten Sie ihre dreistesten Räuber geschickt. Ich darf heute feststellen, Sie machen das europaweit.“

„Wie soll ich das verstehen?“

„Sie sind auf der Suche nach Sklaven, die Ihnen eine marode Firma aufbauen. Wenn das gut ginge, was ich bezweifle, würden Sie sich hinstellen und behaupten, Sie hätten die Firma aufgebaut.“

„Ich verdiene auch nicht viel mehr als Sie.“

„Wo wohnen Sie dann in Bozen?“

„Ich habe hier eine Freundin. Bei ihr wohne ich.“

„Also bezahlt die Freundin Ihnen die Wohnung. Schämen Sie sich nicht? Gibt es bei Ihnen hier Personalkaffee? Ich gebe einen aus.“

„Im Personalspeiseraum steht eine Automat.“

„Haben Sie Zeit. Dann trinken wir einen zusammen.“

„Nein. Ich muss wieder in die Küche. Danke.“

Ich gehe erst Mal in den Personalraum. Da steht ein Automat einer Bayrischen Firma. Ein Kaffee kostet einen Euro. Selbst an unserer Tankstelle ist er billiger. Und ich bin kein Arbeitskollege unseres Tankwartes. Die Westdeutschen beklauen also auch im Ausland ihr eigenes Personal. Wer geht für so einen Abschaum arbeiten oder bei ihnen kaufen? Kein Wunder, dass selbst afrikanische Firmen von diesem Gesindel unterboten werden.

Beim Kaffee rufe ich die Bozner Nummer an. Wir verabreden uns auf Nachmittag. Er hätte da geschlossen. Wahrscheinlich will er kein Aufsehen. Entweder will er einen Kollegen rausmobben oder es hat einer gekündigt. Beim Kaffee schaue ich mir auf dem Handy noch mal den Stadtplan an. Ich muss mir den Weg genau einprägen. Bei den vielen Einbahnstraßen in Bozen kann ich mich schnell verfahren. Und dann noch die Gebiete mit Anwohnerrecht. Da einen brauchbaren Arbeitsweg zu finden, ist schon fast eine Kunst. Ich will zumindest hoffen, bis zu meiner Arbeitsstelle fahren zu können. Jeder Kilometer Fußweg, kostet immerhin zehn bis fünfzehn Minuten meiner Freizeit. Und das vier Mal am Tag, macht fast schon einen sechsundzwanzig stündigen Tag zur Bedingung.

Ich fahre los. Der Weg durch die Stadt kostet mich fast eine Stunde. Der Weg den Weinberg hinauf, eine halbe. Im günstigsten Fall ohne Gegenverkehr. Im Frühjahr wird sich das ändern. Die Wege und Gassen sind eng. Bei Gegenverkehr muss selbst ein Zweiradfahrer anhalten. Ich stelle mir gerade vor, den Weg muss ich bei Regen fahren. Unmöglich. Ich fahre mit dem Moto bis ans Haus. Eine junge Frau kommt kreischend aus dem Haus und gibt mir den Befehl, unten auf dem Parkplatz zu parken.

„Ich bin hier zur Vorstellung.“

Keine Reaktion.

„Ist der Chef da? Wir haben gerade telefoniert.“

„Drinnen.“ Sie zeigt mit dem Finger auf den Eingang. Hui. Ein ganzer Satz. In Südtirol. Und das aus einem hübschen Frauenmund. Ich staune.

Den Helm lasse ich draußen auf dem Spiegel.

Im Haus ist wenig Betrieb. Ein paar Leute sitzen auf der Terrasse und trinken Kaffee. Ich sehe eine Art Rezeption. Dahinter steht eine etwas gesetzte Frau. „Ich suche den Chef. Ich habe einen Vorstellungstermin.“

„Der Chef ist in der Küche.“

„Wo finde ich die Küche?“

Sie zeigt mir die Tür. In der Küche stehen drei Köche. Der Chef erklärt ihnen Etwas. Wahrscheinlich gab es eine Reklamation. Das glaub ich, rauszuhören. Der Ton ist jedenfalls nicht besonders friedlich. So bearbeitet man jedenfalls keine Reklamation. Reklamationen sind abhängig von der Person, die reklamiert. Hat der Gast korrekt bestellt? Wurde ein spezielles Produkt geordert? Wurde eine spezielle Bearbeitung geordert? Neunzig Prozent aller Reklamationen sind einfache Bestellfehler des Gastes. Wer nicht korrekt beschreiben kann, was er will, sollte es vielleicht im Krankenhaus versuchen. Im Krankenhaus wird generell jeder verstärkte Geschmack unterdrückt. Das ist im Rahmen von Allergien und Reaktionen darauf auch deren Handwerk. Wenn ich krank bin, gehe ich nicht wo anders essen. Ich nehme mir mein Essen mit und esse das auf einem Rastplätzchen. Ich zum Beispiel, bin allergisch auf die Gastronomiepreise.

Ich kann mir die nicht leisten. Ich kann mir nicht leisten, Andere für mich kochen zu lassen. Auf meinen Motorradtouren treffe ich sehr viele Landsleute, denen gastronomische Preise zu hoch sind. Die machen ihre Rast auf einem der schön gelegenen Rastplätze. Wozu bauen wir sonst diese Plätze?

Der Chef empfängt mich. Er ist noch ziemlich aufgeregt und bräuchte jetzt eigentlich Zeit, sich zu beruhigen. Dementsprechend barsch fällt der Empfang aus. Wie üblich, kommt die Frage, ob ich kochen kann.

In der DDR wurde man per Kollektivbeschluss zur Meisterschule delegiert. Sehr selten durch die finanzielle Kraft der Eltern. Ein Kollektiv war der Meinung, das ist unser Meisterkoch. Von dem können wir Etwas lernen. Und der soll es uns lernen.

Ob ich Südtirolerisch kochen kann, ist gleich die zweite Frage. Ich spare mir, ihn zu fragen, was er unter Südtirolerisch versteht. Geschmacklos? Salzlos? Pfefferlos? Fleischlos? Oder, was meint dieser Clown? Will der erfolgreich viel Essen verkaufen oder nicht? Das ist die Frage eines Gastronomen. Komisch. Die Frage habe ich nie gehört in Südtirol. Trotzdem wollen sie Alle, möglichst viel verkaufen. Die Frage, wie ich das erreiche, ist dabei wohl eher zweitrangig.

Er sagt mir, in der Saison arbeiten hier drei Köche. Einer von ihnen möchte gehen und den soll ich ersetzen. Chefköche gibt es in dem Team keine. Wahrscheinlich sieht er sich selbst als Chefkoch.
Mal sehen.

Er würde es mit mir probieren und ich kann morgen früh bei ihm anfangen.

Küchenrundgang gibt es keinen. Bei dem, was ich gesehen habe, ist das nicht nachvollziehbar. Sie haben das Mittagsgeschäft beendet. Die Tür springt jetzt auf mit einer Bedienung und ich sehe in dem kurzen Augenblick, warum kein Rundgang statt finden kann. Es muss einen massiven Krach gegeben haben.

Er begleitet mich bis an den Hoteleingang und sieht mein Motorrad. „Hier können Sie nicht parken. Unser Parkplatz ist da Unten.“ Er zeigt mir einen Parkplatz, der fünfhundert Meter bergabwärts liegt. Ich soll demnach, fünfhundert Meter in Motorradausrüstung, steil bergauf wandern, um bei dem arbeiten zu dürfen. Vorm Hotel stehen drei Autos und ein Scooter.

„Für mein Moto wäre hier noch Platz“, sag ich zu ihm.

„Ja schon. Aber nicht für Sie.“

Naja. Ich ernähre nur seine Familie mit.

Damit müsste ich mein Motorrad unbeaufsichtigt, einen halben Kilometer von meinem Arbeitsplatz entfernt, auf einem öffentlichen Parkplatz abstellen. Was auf solchen Parkplätzen passiert, wissen wir zur Genüge. Wobei ich bezweifeln darf, dort würde mir Jemand mein Motorrad klauen. Dazu muss man schon recht gut fahren können bei dem Gefälle. Auf diesem Parkplatz ist einfach das Gefälle zu stark. Und dort machen eben Autofahrer die meisten Fehler.

Der Weg nach Nauders ist also frei für heute. Ich eiere den Berg herunter. Allein das, ist bei Regen sicher ein Kunststück. Ich hoffe, die nächsten Tage regnet es nicht. Ich möchte dort erst mal ein paar Routinen bekommen.

Die schmalen Wege runter stehe ich praktisch nur auf der Bremse. Das wird gewaltig Bremsbeläge fressen. Von den Bremsscheiben will ich gar nicht erst anfangen. Der Chef hat mir Zweitausend versprochen. Vier Arbeitswege nach Hause und zurück. Mehr Verschleiß an Bremsen. Höherer Verbrauch an Benzin. Unfallgefahr. Naja. Geschäft wäre das erst mal keins. Ich muss weiter suchen.

Kurz vor dem Arbeiterverkehr schaffe ich den Weg in den Vinschgau und nach Nauders. Lastwagen sind keine mehr unterwegs.

Alfred ist zur Mittagsruhe. Reka sehe ich mal wieder an der Rezeption. Sie grüßt freundlich und will wissen, ob ich endlich eine Arbeit habe.

„Probezeit. Dort wird das aber nichts, glaube ich. Der Chef will mich nicht haben.“

„Na dann heißt es suchen. Ich kenne das.“

„Du, mit Deinem Aussehen, Reka, dürftest eigentlich keine Probleme haben.“

„Meine Probleme sind andere. Glaub mir das.“

Reka hat Joana schon von unzähligen Übergriffen von ihren Chefs erzählt. Ich frage mich, warum sie diesen Beruf noch ausübt. Die Not in der Familie zu Hause muss wirklich groß sein.

Marco ist auch noch nicht da. Ich gehe nach Oben.

Joana wartet auf unserem Zimmer. Sie schläft noch nicht. Wir essen zusammen. Marco hat Joana etwas Hackbraten gegeben. Kalt schmeckt der hervorragend auf Butterbrot.

 

Tag 81

Tag 81

Der Wecker klingelt und mein Tag beginnt mit bösartigen Kopfschmerzen. Ich hab auch nicht gut geschlafen. Permanent geht mir die Arbeit durch den Kopf. Joana hat mir schon den Kaffee durchgelassen. In unserer Hausapotheke haben wir ein Pülverchen das hilft. Joana bekommt das nur auf Rezept. Komisch. Die Sachen, welche helfen, gibt es nur auf Rezept. Von dem Pülverchen nehme ich ein Drittel. Das schluckt sich wie Brausepulver und schmeckt auch so. Ich stell mir den Wecker neu und lege mich noch mal fünfzehn Minuten hin. Bis dahin müsste das Pülverchen wirken.

Der Wecker klingelt wieder und der Kopfschmerz ist weg. Das Mittelchen hilft. Im tiefen Inneren ist noch ein Druck da aber der schmerzt nicht. Den Rest des Pülverchens nehme ich mit. Zur Sicherheit. Nach der Toilette gehe ich runter zu Marlies.

„Du bist aber spät dran heute.“

„Ich bin immer bissl spät dran.“

„Interessant, Karl.“

Marco hat ein paar Panettone gebacken. Den soll ich probieren. Ein Genuss! Er hat ein paar Schokostreußel mit eingearbeitet. Die lösen sich nicht auf beim Backen.

Der Tag beginnt also schon mal gut. Die Kopfschmerzen sind weg und der Panettone schmeckt wie aus dem Himmel.

In Bozen deutet sich noch ein Termin an. Ein Betrieb irgendwo in den Weinbergen. Ich rufe erst an, wenn ich in Italien bin. Jetzt ist mir das zu teuer. Wir haben immer gelacht, wenn wir unsere Kollegen mit den neuesten Telefonen trafen. Jetzt muss ich fast gestehen, ohne das Handy läuft auch Nichts. Das ist eine der wichtigsten Investitionen für Arbeiter. Der Besitz eines Handys belegt zumindest den Wille, sich bedingungslos, in jeder Zeit, ausbeuten zu lassen. Das Telefon ist damit die unsichtbare Hundeleine. Ich halte generell das Handy ausgeschalten. Ich schalte es ein, wenn ich wirklich Zeit und Ruhe habe. Auf dem Motorrad hört man es eh nie. Und jetzt das Ding für mein Geld in den Helm einzubauen, finde ich lächerlich. Außerdem lenkt es ab. Und zwar gewaltig.

Die Nauderer wünschen mit wieder alles Gute und viel Glück.

Zuerst muss ich mal tanken bei meinen türkischen Freunden. Die freuen sich und befragen mich, wo ich jetzt arbeite. „Ich suche noch“, antworte ich ihnen. Sie kennen das aus ihrer Familie. Ihre Verwandten arbeiten alle in Saison. Agnes weiß nur Schlechtes zu berichten. Von Handgreiflichkeiten und unbezahltem Lohn angefangen bis zu schäbigen Verleumdungen bei anderen Hoteliers. So in etwa, „das ist ne Nutte.“ Sie ist eine Nutte, weil sie „Nein“ gesagt hat. Nicht, weil sie hingehalten hat für eine Stelle. Die klugen Kolleginnen sind da etwas routinierter. Sie essen einfach keine Pille und wenn der Begatter nicht aufpasst, zahlt oder heiratet er, notgedrungen. Diese Ehen haben wir auch in Südtirol recht zahlreich. Von Tirol will ich erst gar nicht anfangen. Wir können also davon ausgehen, in Tirol und Südtirol wirklich nur sehr selten einem echten Landsmann zu treffen. Wenn das die Reinrassevertreter wüssten.

Schon auf der Hauptstraße im Ort ist reger Schwerverkehr. Und das zum Dienstag. Die Fahrt wird mir viel Freunde bereiten. Bis Schlanders brauche ich eine Stunde. Und das ist der halbe Weg.

Wie üblich, wenn ich in Südtirol bin, steige ich aufs Motorrad um. Schließlich bezahle ich Ganzjahressteuer. Von Radfahrern kann ich das nicht behaupten. Nach und in Bozen, kann ich mich mit einem Motorrad am besten bewegen. Während die Autofahrer in der Schlange stehen, nutze ich den Freiraum, mich zu wichtigen Sachen durchzuzwängen. Die Neidhammel versuchen regelmäßig, ihre sture Rumsteherei in ihrem spritfressenden Multimediazentrum zur Gewohnheit zu machen. Das sind die, die sich das leisten können und die sind ganz sicher keine Arbeiter. Statt sich also auf ein umweltfreundliches Zweirad zu bemühen, die es heute als Zweiliterfahrzeuge gibt, steht diese Herrenrasse gern in ihrem Protzschlitten rum.

Ein Motorfahrrad, kurz Mofa, gibt es für keine tausend Euro. Und das fährt in übersichtlichen Geschwindigkeiten mit zwei Litern pro hundert Kilometern. Ich bin mir sogar sicher, für dieses Motorfahrrad wäre die Benutzung der Radwege erstreitbar. Selbst die Erzeugung von Energie aus Wasserkraft, ist sicher nicht umweltfreundlicher als die Zweilitermotoren der Mofas. Und sogar mit dem Gefährt bin ich schneller als ein im Stau stehender SUVFahrer. Und das mit einem gewaltigen Unterschied. Ich habe beide Hände auf dem Lenker. Die SUVFahrer auch. Sie haben aber ein Handy zwischen den Fingern und lenken offensichtlich mit ihrem Gemächt. Es fehlen also dringend Handys, die man zusätzlich noch mit den Füssen bedienen kann. Erst dann würden die SUVFahrer wirklich umweltfreundlich stehen.

Ich komme am Hotel an. Ein Riesenkasten. An der Rezeption sage ich meinen Namen. „Ich habe einen Vorstellungstermin.“ Wie üblich in den Kästen, weiß die Linke nicht, was die Rechte tut. Genauso stelle ich mir deren Gastronomie vor. Karrierebetont. Zuerst dachte ich, ich rede mit einem Roboter. Zumindest hat mir das Aussehen der angesprochenen Gestalt den Eindruck vermittelt. Die Haare oder was das auch sein soll, waren eng angelegt, sahen aus, wie gefettet und umhüllten ein Gesicht, welches nicht aus menschlicher Haut bestand. Ich frage mich, ob Salat genug Energie liefert, allein die verkleisterten Augenlider aufzubekommen. Das Etwas rief irgendwo an und sagte mir gestenreich, ich solle bitte etwas warten. Ein Kaffeeautomat hätte mir die Wartezeit verschönert. Leider eine Fehlanzeige. Es gibt da keinen. Nach rund zehn Minuten kam mir ein relativ junger Mann entgegen, der sich als Chefkoch vorstellte. Den Namen habe ich nicht verstanden. Ich traute mir auch nicht, nochmal nachzufragen.

„Ich würde gern zuerst die Küche sehen, bevor wir über eine Bewerbung reden.“

„Kommen Sie mit.“

Wir gehen in die Küche und zu meinem Erstaunen, arbeiten dort ziemlich junge Menschen.

„Wir haben heute Lehrlingstag.“

Also, wie immer. Die Lehrlinge kochen während die Chefs saufen und das als ihre Leistung verkaufen.

Der Küchenchef zeigt mir auf mein Verlangen die Karte und mir blieb fast der Atem stehen.

„Verkauft Ihr auch das Geschirr mit dem Essen?“

„Wir sind ein Feinschmeckerbetrieb.“

Also doch. Der Geschirrpreis ist bei jeder Portion einkalkuliert. Zufällig stellt ein junger Kollege ein Portion her. Er muss sie nicht kochen. Er greift in einen Karton und holt dort eine Vorspeise heraus. Mit einer Schere schneidet er die Plastikverpackung ab, die locker das Etwas umhüllt.

„Was ist das?“

„Eine Vorspeise.“

Den Namen kann ich nicht beschreiben. Das Wort ist mir unbekannt. Den Kunden sicher auch. Aber, die essen das. Ich glaube, erkannt zu haben, die Vorspeise wäre ein etwa mittelgroßer Gamberischwanz. Etwas gebacken, scheinbar.

Die Beschreibung liest sich etwa so:

„Ein mit Kalmutbrösel panierter, in Kokosfett gebräunter, argentinischer Gamberi in Sizilianischem Mandarinenschaum“. Wir reden von einem nicht knusprigen, dreißig Gramm schweren amtlich erklärten Lebensmittel, bei dem sicher am Personal gespart wurde, um den quecksilberhaltigen Darm zu entfernen. Ich schaue nicht nach. Ich möchte meinen Kollegen nicht enttäuschen.

Die Küche samt Einrichtung ist eigentlich zufriedenstellend. Dort kann Unsereiner gut basteln und nahezu Alles, selbst herstellen. Wenn man es kann und darf.

„Wie sieht es denn mit den Arbeitszeiten und dem Lohn aus?“

„Lohn gibt‘s bei uns Tarif. Überstunden müssen genehmigt werden. Wir haben geteilte Arbeitszeiten.“

Also, für Tarif, vier Wege nach Bozen und zurück. Wir haben eine Steigerung zu Schenna von nahezu hundert Prozent. Zu meinen Lasten.

„Bei uns gibt es keine Wegevergütung.“

„Und schwarz?“

„Das gibt es bei uns nicht.“

„Was ist mit Wäschegeld, Wäscherei, Dienstkleidung, Handwerkszeug und so weiter?“

„Dienstkleidung gibt es hier. Handwerkszeug nur das, was wir im Betrieb haben.“

Ich soll also von vierhundert Euro pro Monat, Netto, leben. Ich frag mich gerade, wo ich in Bozen eine Wohnung für vierhundert Euro mieten kann. Nicht mal in der Garagensiedlung. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln könnte ich mich nicht bewegen. Die sind nicht für Gastronomen mit geteiltem Dienst gedacht. Abends müsste ich eh zu Fuß nach Hause gehen. Der Gesundheit wegen. Zimmermädchen und Frühstückspersonal leiden unter den gleichen Bedingungen. Nur zum Vergleich. In der DDR fuhr in der Nacht ein Bus für die Schichtarbeiter. Wer diesen Bus aus Dienstgründen nicht schaffte, bekam ein Taxi gestellt. Das fuhr dann alle Kollegen zusammen, nach Hause. Und zu DDR Zeiten konnten wir uns selbst als Kind, nachts allein auf die Straße oder die Allee getrauen. Bei uns gab es bedeutend weniger Kranke, die Kinder befummelten.

Fortsetzung folgt

Ein Jahr Virus

Ein Jahr Virus

Heute habe ich mal einen nicht ganz fachfremden Kommentar zu dem Virusgeschehen.

Köche sind im Umgang mit Viren und Bakterien speziell geschult. Unsere Hygienerichtlinien schrieben und schreiben uns vor, wie wir uns bei der Speisenherstellung zu verhalten haben. Mehr oder Weniger, halten wir uns daran, sofern wir dazu die dafür benötigte Zeit haben.

In dem Zusammenhang erlaube ich mir, mal eine DDR, sprich, ein sozialistisches- mit dem anderen System zu vergleichen.

Zunächst stellen wir fest, dass wir jetzt mittlerweile, ein Jahr und einen Monat, im Hausarrest sitzen. Saisonarbeiter mit Saisonablauf, Herbst 2019 und keinem Wintervertrag, sitzen schon ein und ein halbes Jahr zu Hause.

In der DDR gab es ein Gesundheitssystem, das nicht perfekt war. Wir hatten immerhin unter tausenden Sanktionen und Embargos zu leiden. Das bedeutete, wir bezahlten Importe der sanktionierten Rohstoffe, mit einem bis zu zehnfachen Einkaufspreis. Dazu gehörte das Glück, nicht von einem der westlichen Nachbarn bestohlen zu werden. Das führte bisweilen zum Totalverlust bereits gekaufter Waren. Die Verbrecher im Westen haben sich mit dem geklauten Gut, goldene Nasen verdient. Ob jetzt gerade Penicillin oder Steinkohle geklaut wurde, war saison- oder sanktionsabhängig. Zusätzlich wurde die DDR nahezu gezwungen, eigene Produkte zu entwickeln, um diese Embargos abzumildern oder gar nachhaltig zu umgehen. Wer einmal miterleben durfte, wie Arbeitskollegen nach einem Arbeitsunfall, die Hand oder Finger abgenommen werden mussten, weil es kein Penicillin oder andere wichtige Medikamente gab, darf sich gern vorstellen, wie es ist, einen lieben Familienangehörigen zu verlieren.

Die DDR hatte praktisch das Know How, jedes Embargo wirkungsvoll zu umgehen oder abzumildern. Genau in dem Zusammenhang sehe ich das aktuelle Virengeschehen und die Reaktionen darauf. In der DDR wurden keine Krankenhausbetten reduziert, keine Krankenschwester um den Lohn beschissen oder Ärzte vertrieben.

Die DDR hätte allgemein so reagiert wie der Bruderstaat Weißrussland. Ganz einfach deswegen, weil wir genug Krankenhauskapazitäten und gut ausgebildete Ärzte hatten. Damit erübrigt sich, nachzudenken, wer einem nun das verlorene Jahr bezahlt und entschädigt. Angeblich sind wir ein Bestandteil der Freien Welt. In der DDR hätte sich Keiner getraut, einem Werktätigen, ein Jahr Freiheit zu stehlen.

In günstigen Fällen erlebt ein Arbeiter, siebzig Jahre. Eins ist uns davon gestohlen worden. Nicht von dem Virus. Da müssten wir Köche und auch Ärzte, fünfzig verlorene Jahre anzeigen. Köche, auch Ärzte und Viele mehr, arbeiten täglich mit Viren, von denen sicher Einige tödlicher sind als das aktuelle.

Wir reden also von einer übergreifenden Unfähigkeit der Vertreter kapitalistischer Systeme im Umgang mit Viren und Krankheiten. Das zeigt uns der mafiöse Streit um Masken, um Impfstoffe, um Menschen- und vor allem, um Kinderleben.

Es ist jetzt Zeit, sich ernsthaft zu fragen, ob dieses System, trotz der Riesenpropaganda der bezahlten Meinungsmacher, das bessere ist.

Beachten Sie bitte dabei, der Großteil der Erwachsenen Bürger und Saisonkräfte aus dem Osten Europas, kennt den Sozialismus. Und die vergleichen diese beiden Systeme wie ich.

Sie dürfen mich gern fragen, wer da verliert in dem Vergleich.