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Fortsetzung Tag 84

Das Essen reicht. Ich habe genug gekocht; auch für die Nachtschicht. Alle Mitarbeiter, Gäste und Kunden wünschen mir ein schönes Wochenende. Das ist weiß Gott, das erste Mal in meinen Ohren , solch einen Wunsch vernehmen zu dürfen. Gleich vor der Haustür bekomme ich bewiesen, was dieser Wunsch wert ist. Stau, Unfälle an jeder Ecke, Streit und sture Verkehrsteilnehmer. An jeder Mautstation, Stau, überall Schlangen frustrierte Autolenker. „Schönes Wochenende!“ Das klingt in meinen Ohren schon nach den ersten dreißig Kilometern wie eine Drohung.

Der einzige Vorteil unseres Berufes lässt sich fast schon in einem Satz beschreiben. Früh und Nachts, bleibt uns der Stau samt Streit auf unseren Arbeitswegen erspart. Es ist dunkel auf dem Weg zur Arbeit und dunkel, wenn wir nach Hause kommen. Die wenigen Sonnenstunden, die wir bekommen, müssen wir wenigstens nur mit Haarausfall, Zahnausfall und Hautschäden bezahlen. Die Viren und Bakterien unserer Mitbürger, bleiben uns erspart. Die bekommt der Abspüler. Deswegen sind unsere Abspüler auch wirklich die Härtesten. Unsere Abspüler sind selten krank. Und wenn, dann darf ich davon ausgehen, er simuliert. Bei dieser extrem harten, weit unterbezahlten Arbeit ist das schon ein Menschenrecht.

Freitags durch den Vinschgau zu fahren, ginge mit dem Einkaufswagen schneller als mit dem Auto. Ich überlege, ob ich nicht zu Hause umsteige und mit dem Motorrad nach Nauders fahre. Immerhin wäre ich der Erste, der in diesem Jahr den Reschen mit dem Motorrad überquert. Vermute ich. Ich habe schon genug Motorradfahrer im Winter getroffen. Meist jedoch bei uns im Unterland oder am Garda. Selten auf den Pässen. Auf alle Fälle, brächte mir das eine Art Bewunderung ein, wenn ich nach Nauders mit dem Moto fahre.

Gedacht, getan. Ich ziehe die Winterkombi an und mache mich auf den Weg. Paula winkt mir zu. Durch ihr Fenster. Sie hat ans Fenster geklopft und ich konnte es noch hören.

Im Februar, die erste Fahrt mit dem Motorrad auf den Reschen. Links und Rechts liegt noch Schnee da Oben. Aber die Straße ist frei. Ich fahre nicht das erste Mal mit dem Motorrad durch Schnee. Auf der Seiser Alm hat es mich im Mai damit erwischt. Auch im Ultental durfte ich bei Schnee nach Hause fahre. Dort war das besonders heikel. Im Eggental bin ich bei zwanzig Zentimeter Neuschnee mit dem Motorrad zur und von der Arbeit gefahren. Hinter mir fuhren begeisterte italienische Touristen, die applaudierend hupten und Lichtsignale gaben. Im Eggental habe ich damals die neuen Motorrad Winterreifen getestet. Es waren türkische. Wunderbar. Ich hätte nie gedacht, unsere türkischen Freunde würden solche Winterreifen herstellen. Für diese Größe waren sie verfügbar. Für mein neues Motorrad nicht. Schade. Ganzjahresfahrer kennen die wetterbedingten Tücken. Und die zu meistern, ist fast schon die Krönung unserer Leidenschaft. Und da soll Einer sagen, Köche würden wegen ihrer Arbeitszeit keine Abenteuer erleben.

Die Fahrt auf den Reschen ist eine reine Slalomfahrt. Stellenweise sind die Straßen feucht. Um die Spritzer auf das Visier zu vermeiden, muss ich etwas Abstand nehmen. Die Spritzer sind vom Salzwasser. Das Visier wird umgehend blind beim Trocknen im Fahrtwind. Und schon geht die alte Leier mit dem Spritzschutz wieder los. Diese Millionärsdroschken haben keinen Spritzschutz.

Mit Millionären meine ich die Schulden dieser Protzer. Und auf die bin ich sicher nicht neidig.

Dursun vor dem Hotel traut seinen Augen nicht. Er läuft aufgeregt ins Foyer und holt Alfred raus. Alfred schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. Er hat Tränen in den Augen, darf ich nach dem Absteigen feststellen.

„Ich bin früher auch so gefahren wie Du. Bei jedem Wetter.“

„Naja. Hier auf dem Reschen warst Du ja fast gezwungen dazu.“

„Im Mai, Juni. Im August und im September. Wir hatten oft Schnee, als ich von meinen Ausflügen zurück kam.“

„Du kannst ja morgen mal probieren, ob Du das noch beherrschst.“

„Zu gerne. Ich habe aber Angst, Dir einen Schaden ran zu fahren. Das Ding ist doch neu.“

„So neu nun auch nicht. Ich fahre im Jahr sechzig bis siebzig Tausend Kilometer.“

„So viel? Da bist Du ja Südtirolmeister.“

„Naja. In Deutschland ist ein Motorrad mit dem Kilometerstand schon das dritte Mal verkauft. Bei uns fahren die Arbeiter im Unterland und Bozen, ganzjährig. Auch mit ihren Scootern.“

„Die Roller haben ja auch einen feinen Spritzschutz.“

„Auf dem Roller habe ich mehr abbekommen als auf dem Motorrad.“

„Wirklich. Ich habe noch einen und fahr den manchmal.“

„Die Verkleidung erzeugt diverse Strömungen und Strudel, die der Fahrer alle abbekommt. Und das oft noch konzentriert. Auf dem Moto habe ich das nicht.“

„Kaum zu glauben. Du musst das wissen.“

Marco steht in der Küche und fängt gleich an zu träumen. „Mit dem Moto! Meins steht zu Hause.“

Ich spüre richtig, wie ihm die Finger jucken.

„Für drei, vier Involtini kannst de mal ne Rnde drehen. Das ist ein Scherz.“

„Morgen.“

„Gut. Morgen. Wenn das Wetter gut ist.“

„Dein Essen ist schon Oben. Du hast fast Recht mit Deinen Involtini.“

„Danke. Wenn Du mich abends brauchst, rufe an.“

„Bis dann!“

Joana ist schon Oben, trotz Freitag.
„Morgen ist großer Wechsel.“

„Ich dachte, den gibt es nicht mehr. Die wechseln doch jetzt jeden Tag groß.“

„Leider.“

Wir essen. Marco hat eine Fleischrolle gekocht. Das ist eine große Roulade. Vom Alpenrind, abgeschmeckt wie Involtini oder Roulade und in Rotwein geschmort. Ein Genuss.

Wir schauen noch ein paar Filme. Columbo. Ein faszinierender Schauspieler, der Peter Falk. Ich glaube, seine Filme kann man ein Leben lang anschauen.

 

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