Skip to content

Fortsetzung Tag 83

Wie im letzten Speckbetrieb bekomme ich bewiesen, Menschen anderer Nationen scheinen mehr Erfahrung beim Trocknen von Fleisch zu haben. In Afrika zum Beispiel, kann nahezu jeder Bürger zu Hause Trockenfleisch herstellen. Das Gleiche gilt für Osteuropa oder gar Russland. Ganz zu schweigen von Süd- und Westasien. In Mittel- und Südamerika ist Trockenfleisch und Trockenfisch in nahezu jeder Hosentasche zu finden. Die Herstellung unserer Südtiroler Spezialitäten ist sozusagen, in kompetenten Händen. Endlich habe ich die Gelegenheit, unsere afrikanischen Freunde mit Mundschutz, Kopfschutz, Körperschutz und Gummihandschuhen begrüßen zu dürfen. Bei ihnen zu Hause ist das nicht notwendig. Das Farbenspiel ist großartig. Wer also in Osteuropa und auf der Welt, Südtiroler Speck verkaufen will, möchte sich damit abfinden, gelegentlich von deren Fachleuten, Hilfe zu bekommen. Komisch. Bei Computern, Fernsehern, Autos, Fahrrädern und Motorrädern gibt es da keine Probleme.

Bei den ersten Mahlzeiten mache ich natüruch noch gewisse Fehler. Ich kenne die Gewohnheiten unserer Gäste noch nicht. Einer möchte viel, der Andere wenig. Dann die persönlichen Empfindlichkeiten. In einer Essenausgabe habe ich den direkten Kontakt mit meinen Gästen. Und das ist mir das Liebste. Ich bekomme Kritik und Lob direkt ins Gesicht gesagt. Sozialismus pur. Meine Hand für mein Produkt. Genau das wünsche ich mir auch für die Gastronomie. Keine Trinkgeld haschenden Nutten mit komischem Gesichtsausdruck bei Kutteln und keine vergessenen Bestellungen. Jeder kann sagen: „Davon etwas mehr. Davon etwas weniger. Das lass bitte weg.“ Keiner muss bitte sagen und kann sich die Floskeln sparen. Es geht einfach um gutes Essen. Meine Begeisterung wächst.

Mitunter sehe ich Speisemarken, die anders aussehen als die der Kollegen. Die Marken werden von Kraftfahrern und Frächtern vorgelegt. Was soll ich sagen. Heute sind das viele. Langsam drohen Engpässe und Absagen bei bestimmten Speisen. Und die Leute wollen nicht wissen, was Embargos und Sanktionen bedeuten. Ich muss also schnell Etwas nachkochen. Ana beruhigt mich und sagt: Alles reicht.

Gegen Ende des Mittagessens kommt der Chef mit mit seinen Sekretärinnen und Gehilfen. Ober mich wieder erkennt? Nach so vielen Jahren?

„Sie sind der Aushilfskoch?“

„Ja.“

„Aah. Sie kommen aus dem Osten. Von woher genau?“

„Aus der Nähe von Karl-Marx-Stadt.“

„Das kenne ich.“

„Sie waren dort mit Kollegen und wollten den Schlachthof kaufen.“

„Ja. Das war ein Fehler.“

„Ich kenne auch die Verkäufer. Die Angestellten der Treuhand. Die wollten Ihnen das ganz sicher nicht verkaufen.“

„So sehe ich das heute auch. Wie lange sind Sie hier?“

„Ich bin nur ein paar Tage zur Vertretung hier.“

„Die Knödel sind gut.“

„Die hat Ana gekocht. Die Bratwurst ist sicher auch ein Genuss. Die ist von Ihnen.“

Anfangs keine Antwort. „Danke.“

„Bei uns wird die Bratwurst grob gemacht. Grüne oder frische Bratwurst nennen wir die.“

„Die Bratwurst bei Ihnen war ein Genuss.“

„Heute geht das gar nicht mehr. Das Fleisch wird zu hart gepoltert. Die Bratwurst würde rosa werden.“

„Sie kennen sich aus. Ich heiße Gotthilf und Du?“

„Karl.“

„Ich muss los. Wir reden morgen noch Etwas.“

„Bis morgen. Danke.“

Ana zeigt mir, wie sie die Küche putzt und an was alles zu denken ist. Da gibt es sicher einfachere Methoden. Die muss ich mal meinem Chef vortragen. Der Abzieher ist kaputt. Ana quält sich etwas mit dem Wischen und Nachtrocknen. Das kostet Zeit.

Sie zeigt mir auch, was ich für die Jause und das Abendessen vorbereiten soll. Eine Bain Marie ist mit dem warmen Essen zu füllen. Die wird abends von den Metzgern selbst eingeschaltet. Für die Jause ist ein Kuchen und eine Auswahl an belegtem Brot bereit zu stellen.

„Ein Uhr dreißig ist Feierabend. Ausstempeln und Abmelden.“

„Alles klar!“

„Schlüssel ins Büro bringen.“

„Okay.“

„Ich fliege noch heute Abend.“

„Grüß Deine Familie von mir. Guten Flug!“

„Gerne. Danke.“

„Wann kommst Du wieder?“

„Dienstag.“

„Alles klar.“

Bis Dienstag geht die Vertretung. Ich kann mich weiter kümmern.

Wir verabschieden uns und mein Chef hat noch angerufen, ob ich Etwas brauche. „Einen neuen Abzieher. Der ist kaputt. Nimm die Billigen. Die Teuren gehen alle nicht.“

„Wir treffen uns morgen.“

Ich nehme mir vor, gleich nach Nauders zu fahren ohne Pause zu Hause.

Die Fahrt geht recht flott. In zwei ein halb Stunden bin ich schon auf dem Reschen. Das ist der erste Feierabend vor Vier Uhr nachmittags seit Vezzan. Ein Genuss. Joana wird mich schon erwarten.

Alfred und Dursun sind auf Zimmerstunde als ich ankomme. Marco auch. Joana ist noch wach. Sie schaut gerade einen Film. Einen sehr schönen: „Mackenna‘s Gold.“ Den konnten wir schon in der DDR anschauen.

„Morgen möchte ich etwas eher losfahren. Freitag, Du weißt.“

Marco hat Joana Hackepeter durch gelassen. Hackepeter ist Tatar vom Schweinefleisch. Eine Nationalspeise in Sachsen. Das Gehackte wird mit Salz, Pfeffer, Zwiebel und gemahlenem Kümmel abgeschmeckt. Ein Genuss auf einem frischen Butterbrötchen.

Nach dem Essen falle ich auf den Rücken und schlafe ein.

Trackbacks

Keine Trackbacks

Kommentare

Ansicht der Kommentare: Linear | Verschachtelt

Noch keine Kommentare

Kommentar schreiben

Umschließende Sterne heben ein Wort hervor (*wort*), per _wort_ kann ein Wort unterstrichen werden.
Standard-Text Smilies wie :-) und ;-) werden zu Bildern konvertiert.
Die angegebene E-Mail-Adresse wird nicht dargestellt, sondern nur für eventuelle Benachrichtigungen verwendet.

Um maschinelle und automatische Übertragung von Spamkommentaren zu verhindern, bitte die Zeichenfolge im dargestellten Bild in der Eingabemaske eintragen. Nur wenn die Zeichenfolge richtig eingegeben wurde, kann der Kommentar angenommen werden. Bitte beachten Sie, dass Ihr Browser Cookies unterstützen muss, um dieses Verfahren anzuwenden.
CAPTCHA

Formular-Optionen

Kommentare werden erst nach redaktioneller Prüfung freigeschaltet!