Skip to content

Tag 81

Tag 81

Der Wecker klingelt und mein Tag beginnt mit bösartigen Kopfschmerzen. Ich hab auch nicht gut geschlafen. Permanent geht mir die Arbeit durch den Kopf. Joana hat mir schon den Kaffee durchgelassen. In unserer Hausapotheke haben wir ein Pülverchen das hilft. Joana bekommt das nur auf Rezept. Komisch. Die Sachen, welche helfen, gibt es nur auf Rezept. Von dem Pülverchen nehme ich ein Drittel. Das schluckt sich wie Brausepulver und schmeckt auch so. Ich stell mir den Wecker neu und lege mich noch mal fünfzehn Minuten hin. Bis dahin müsste das Pülverchen wirken.

Der Wecker klingelt wieder und der Kopfschmerz ist weg. Das Mittelchen hilft. Im tiefen Inneren ist noch ein Druck da aber der schmerzt nicht. Den Rest des Pülverchens nehme ich mit. Zur Sicherheit. Nach der Toilette gehe ich runter zu Marlies.

„Du bist aber spät dran heute.“

„Ich bin immer bissl spät dran.“

„Interessant, Karl.“

Marco hat ein paar Panettone gebacken. Den soll ich probieren. Ein Genuss! Er hat ein paar Schokostreußel mit eingearbeitet. Die lösen sich nicht auf beim Backen.

Der Tag beginnt also schon mal gut. Die Kopfschmerzen sind weg und der Panettone schmeckt wie aus dem Himmel.

In Bozen deutet sich noch ein Termin an. Ein Betrieb irgendwo in den Weinbergen. Ich rufe erst an, wenn ich in Italien bin. Jetzt ist mir das zu teuer. Wir haben immer gelacht, wenn wir unsere Kollegen mit den neuesten Telefonen trafen. Jetzt muss ich fast gestehen, ohne das Handy läuft auch Nichts. Das ist eine der wichtigsten Investitionen für Arbeiter. Der Besitz eines Handys belegt zumindest den Wille, sich bedingungslos, in jeder Zeit, ausbeuten zu lassen. Das Telefon ist damit die unsichtbare Hundeleine. Ich halte generell das Handy ausgeschalten. Ich schalte es ein, wenn ich wirklich Zeit und Ruhe habe. Auf dem Motorrad hört man es eh nie. Und jetzt das Ding für mein Geld in den Helm einzubauen, finde ich lächerlich. Außerdem lenkt es ab. Und zwar gewaltig.

Die Nauderer wünschen mit wieder alles Gute und viel Glück.

Zuerst muss ich mal tanken bei meinen türkischen Freunden. Die freuen sich und befragen mich, wo ich jetzt arbeite. „Ich suche noch“, antworte ich ihnen. Sie kennen das aus ihrer Familie. Ihre Verwandten arbeiten alle in Saison. Agnes weiß nur Schlechtes zu berichten. Von Handgreiflichkeiten und unbezahltem Lohn angefangen bis zu schäbigen Verleumdungen bei anderen Hoteliers. So in etwa, „das ist ne Nutte.“ Sie ist eine Nutte, weil sie „Nein“ gesagt hat. Nicht, weil sie hingehalten hat für eine Stelle. Die klugen Kolleginnen sind da etwas routinierter. Sie essen einfach keine Pille und wenn der Begatter nicht aufpasst, zahlt oder heiratet er, notgedrungen. Diese Ehen haben wir auch in Südtirol recht zahlreich. Von Tirol will ich erst gar nicht anfangen. Wir können also davon ausgehen, in Tirol und Südtirol wirklich nur sehr selten einem echten Landsmann zu treffen. Wenn das die Reinrassevertreter wüssten.

Schon auf der Hauptstraße im Ort ist reger Schwerverkehr. Und das zum Dienstag. Die Fahrt wird mir viel Freunde bereiten. Bis Schlanders brauche ich eine Stunde. Und das ist der halbe Weg.

Wie üblich, wenn ich in Südtirol bin, steige ich aufs Motorrad um. Schließlich bezahle ich Ganzjahressteuer. Von Radfahrern kann ich das nicht behaupten. Nach und in Bozen, kann ich mich mit einem Motorrad am besten bewegen. Während die Autofahrer in der Schlange stehen, nutze ich den Freiraum, mich zu wichtigen Sachen durchzuzwängen. Die Neidhammel versuchen regelmäßig, ihre sture Rumsteherei in ihrem spritfressenden Multimediazentrum zur Gewohnheit zu machen. Das sind die, die sich das leisten können und die sind ganz sicher keine Arbeiter. Statt sich also auf ein umweltfreundliches Zweirad zu bemühen, die es heute als Zweiliterfahrzeuge gibt, steht diese Herrenrasse gern in ihrem Protzschlitten rum.

Ein Motorfahrrad, kurz Mofa, gibt es für keine tausend Euro. Und das fährt in übersichtlichen Geschwindigkeiten mit zwei Litern pro hundert Kilometern. Ich bin mir sogar sicher, für dieses Motorfahrrad wäre die Benutzung der Radwege erstreitbar. Selbst die Erzeugung von Energie aus Wasserkraft, ist sicher nicht umweltfreundlicher als die Zweilitermotoren der Mofas. Und sogar mit dem Gefährt bin ich schneller als ein im Stau stehender SUVFahrer. Und das mit einem gewaltigen Unterschied. Ich habe beide Hände auf dem Lenker. Die SUVFahrer auch. Sie haben aber ein Handy zwischen den Fingern und lenken offensichtlich mit ihrem Gemächt. Es fehlen also dringend Handys, die man zusätzlich noch mit den Füssen bedienen kann. Erst dann würden die SUVFahrer wirklich umweltfreundlich stehen.

Ich komme am Hotel an. Ein Riesenkasten. An der Rezeption sage ich meinen Namen. „Ich habe einen Vorstellungstermin.“ Wie üblich in den Kästen, weiß die Linke nicht, was die Rechte tut. Genauso stelle ich mir deren Gastronomie vor. Karrierebetont. Zuerst dachte ich, ich rede mit einem Roboter. Zumindest hat mir das Aussehen der angesprochenen Gestalt den Eindruck vermittelt. Die Haare oder was das auch sein soll, waren eng angelegt, sahen aus, wie gefettet und umhüllten ein Gesicht, welches nicht aus menschlicher Haut bestand. Ich frage mich, ob Salat genug Energie liefert, allein die verkleisterten Augenlider aufzubekommen. Das Etwas rief irgendwo an und sagte mir gestenreich, ich solle bitte etwas warten. Ein Kaffeeautomat hätte mir die Wartezeit verschönert. Leider eine Fehlanzeige. Es gibt da keinen. Nach rund zehn Minuten kam mir ein relativ junger Mann entgegen, der sich als Chefkoch vorstellte. Den Namen habe ich nicht verstanden. Ich traute mir auch nicht, nochmal nachzufragen.

„Ich würde gern zuerst die Küche sehen, bevor wir über eine Bewerbung reden.“

„Kommen Sie mit.“

Wir gehen in die Küche und zu meinem Erstaunen, arbeiten dort ziemlich junge Menschen.

„Wir haben heute Lehrlingstag.“

Also, wie immer. Die Lehrlinge kochen während die Chefs saufen und das als ihre Leistung verkaufen.

Der Küchenchef zeigt mir auf mein Verlangen die Karte und mir blieb fast der Atem stehen.

„Verkauft Ihr auch das Geschirr mit dem Essen?“

„Wir sind ein Feinschmeckerbetrieb.“

Also doch. Der Geschirrpreis ist bei jeder Portion einkalkuliert. Zufällig stellt ein junger Kollege ein Portion her. Er muss sie nicht kochen. Er greift in einen Karton und holt dort eine Vorspeise heraus. Mit einer Schere schneidet er die Plastikverpackung ab, die locker das Etwas umhüllt.

„Was ist das?“

„Eine Vorspeise.“

Den Namen kann ich nicht beschreiben. Das Wort ist mir unbekannt. Den Kunden sicher auch. Aber, die essen das. Ich glaube, erkannt zu haben, die Vorspeise wäre ein etwa mittelgroßer Gamberischwanz. Etwas gebacken, scheinbar.

Die Beschreibung liest sich etwa so:

„Ein mit Kalmutbrösel panierter, in Kokosfett gebräunter, argentinischer Gamberi in Sizilianischem Mandarinenschaum“. Wir reden von einem nicht knusprigen, dreißig Gramm schweren amtlich erklärten Lebensmittel, bei dem sicher am Personal gespart wurde, um den quecksilberhaltigen Darm zu entfernen. Ich schaue nicht nach. Ich möchte meinen Kollegen nicht enttäuschen.

Die Küche samt Einrichtung ist eigentlich zufriedenstellend. Dort kann Unsereiner gut basteln und nahezu Alles, selbst herstellen. Wenn man es kann und darf.

„Wie sieht es denn mit den Arbeitszeiten und dem Lohn aus?“

„Lohn gibt‘s bei uns Tarif. Überstunden müssen genehmigt werden. Wir haben geteilte Arbeitszeiten.“

Also, für Tarif, vier Wege nach Bozen und zurück. Wir haben eine Steigerung zu Schenna von nahezu hundert Prozent. Zu meinen Lasten.

„Bei uns gibt es keine Wegevergütung.“

„Und schwarz?“

„Das gibt es bei uns nicht.“

„Was ist mit Wäschegeld, Wäscherei, Dienstkleidung, Handwerkszeug und so weiter?“

„Dienstkleidung gibt es hier. Handwerkszeug nur das, was wir im Betrieb haben.“

Ich soll also von vierhundert Euro pro Monat, Netto, leben. Ich frag mich gerade, wo ich in Bozen eine Wohnung für vierhundert Euro mieten kann. Nicht mal in der Garagensiedlung. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln könnte ich mich nicht bewegen. Die sind nicht für Gastronomen mit geteiltem Dienst gedacht. Abends müsste ich eh zu Fuß nach Hause gehen. Der Gesundheit wegen. Zimmermädchen und Frühstückspersonal leiden unter den gleichen Bedingungen. Nur zum Vergleich. In der DDR fuhr in der Nacht ein Bus für die Schichtarbeiter. Wer diesen Bus aus Dienstgründen nicht schaffte, bekam ein Taxi gestellt. Das fuhr dann alle Kollegen zusammen, nach Hause. Und zu DDR Zeiten konnten wir uns selbst als Kind, nachts allein auf die Straße oder die Allee getrauen. Bei uns gab es bedeutend weniger Kranke, die Kinder befummelten.

Fortsetzung folgt

Tag 80

Tag 80

Ich wecke allein vom Wecker auf. Joana ist schon auf Arbeit. Sie hat mir die Messer eingepackt. Die brauche ich heute. In Italien sind Winterferien. Eigentlich bin ich nur für Heute zur Probearbeit bestellt. Ich bin mir sicher, heute ist das Restaurant ausgebucht. Eine Gesellschaft. Es gibt:

Salatteller

Mille fanti

Hirtenmakkaroni

Ossobuco, Safranrisotto

Tris von Schokomousse

Mir scheint, die Gesellschaft ist eine italienische. Bei dem Programm muss ich sehen, recht schnell aus dem Haus zu kommen. Ich kenne die Küche nicht. Auf dem Handy ist zudem eine neue Nachricht. Ein Hotel aus Bozen. Die suchen einen zweiten Koch und wollen mich heute oder morgen sehen. Wir haben keine feste Zeit vereinbart. Im Managment arbeitet ein Westdeutscher. Da muss ich mir als DDR – Koch keine Hoffnungen machen. Die kommen von einem anderen Planeten und wollen Abfall, schön eingepackt servieren. Die brauchen keine Köche. Bei denen machen das unterbezahlte Abspüler aus Bangladesch. Die Verhandlung besuche ich nebenbei. In Garmisch wollte mir so ein Manager tausend Euro Lohn anbieten und davon, achthundert für Wohnung und Essen abziehen. In Bayern dürfen kriminelle Betrügerbanden offiziell arbeiten. Dir dürfen die das vom Lohn abziehen und gleichzeitig dürfen die das steuerlich absetzen. In Italien wären längst die Carabinieri in dem Haus zwecks Beweissicherung.

Der Weg nach Meran wird heute eine besondere Belastung, schätze ich. Ich fülle mir eine Thermoskanne mit Kaffee. Marlies muss ich mal fragen, ob sie Sahne hat. Unsere ist alle. Dursun steht zusammen mit Alfred bei Marlies. Die Zimmermädchen sind schon wieder weg. Heute ist sehr viel Wäsche zu waschen und zu bügeln. Die Mädels tun mir leid.

Alfred fragt wie immer, wo ich heute bin. Ich erzähle ihm von Schenna. „Schenna? Dort sind wir fast jedes Jahr. Nur kurz. Wir treffen dort unsere Wintergäste.“

„Also, die arbeitsscheuen westdeutschen Dauerurlauber und Schutzgeldpresser.“

„Genau. Von Denen leben wir.“

„Ich dachte, in Europa ist Geldwäsche verboten.“

Dursun lacht laut und Marlies muss die Zwei mit einem diskreten Nicken zur Ruhe anhalten. Am Eingang zur Frühstücksküche steht eine westdeutsche Touristin und hört uns die ganze Zeit zu. Marlies stürmt zu ihr hin und fragt, wie sie ihr helfen kann.

„Die Brötchen sind alle!“, sagt die in einem barschen Ton. Komisch. Marlies war wirklich erst vor fünf Minuten drinnen. In Fünf Minuten ein Buffet abräumen, schaffen wirklich nur Westdeutsche und Holländer. Letztere verteilen sie Speisereste noch sorgfältig im Bett und im Hotelzimmer. Grausam. Die scheinen sich im Gestank wirklich wohl zu fühlen.

Die Drei verabschieden mich und wünschen mir eine gute Fahrt. Marlies packt mir ein Schinkenbrötchen ein. Mehr Schinken als Brötchen. Was hab ich getan, dass ich den Kollegen so leid tue?

Montags den Reschen runter ist ein Qual. Heute darf ich das besonders spüren. Mit etwas Grips und dessen Anwendung, würde das nicht passieren. Ich setze aber keine Intelligenz voraus bei den Logistikunternehmen. Die gehen nach billig. Nicht nach wirtschaftlich.

Die Fahrt bis Meran dauert eine und eine halbe Stunde. Bis Schenna rauf, sind noch dreißig Minuten fällig. Eine viertel Stunde stehe ich allein in Sinich rum. Eine Abfahrt mit direkter Anbindung an den Kreisverkehr nach Schenna und Hafling unter der Umgehung von Sinich, wäre der absolute Lottogewinn. Viele Südtiroler würden diese Abfahrt feiern. Bis zur Heli ist sie ja schon gebaut.

Ich komme in Schenna an und muss auch nicht wirklich lange suchen.

Ich werde freundlich empfangen. Die Küchentechnik ist nicht die neueste. Alles steht bereit. Das Mousse hat mir schon die Familie gekocht und kalt gestellt. Das Mousse ist mit Kochschokolade hergestellt. Die nehme ich nicht. Vor allem nicht bei Gesellschaften, deren Speisefolge ungewiss ist. Das Mousse wird immer zu kalt serviert wegen der Schokolade. Schokolade schmeckt eiskalt nicht so intensiv wie bei Zimmertemperatur.

Zumindest habe ich diese Arbeit weniger. Da dauert eh das Portionieren am längsten. Und das bleibt mir nicht erspart.

Die Ossobuci samt dem Wurzelgemüse sind schnell angesetzt. Ich brate sie gleich im Dämpfer an. Das Ragu für die Bolognese schiebe ich gleich mit rein. Der Nudelkocher dampft schon. Fehlt nur noch die Suppe, der Salat und das Risotto. Gegen Elf bin ich fertig. Das Risotto habe ich lediglich vorgekocht. Die Sauce vom Ossobuco habe ich zusätzlich zum Dunst beim Anrösten, mit Kartoffelflocken gebunden. Wir erwarten sechzig Gäste im Mittel. Gedeckt und gekocht haben wir für achtzig. Gebucht haben die italienischen Gäste für halb Eins. Das ist lange überschritten und ich muss mir jetzt Gedanken machen, das Essen in der Qualität zu halten, in der wir es vorgesehen hatten.

Die Gäste kommen. Es ist halb Zwei. Das Menü beginnt gegen Zwei. Die Vorstellung heute, kann ich schon mal abschreiben. Es waren siebzig Gäste. Den Rest haben wir mit Platten nachgereicht. Unsere Gäste haben Alles bestens aufgegessen. Sie kommen in die Küche und geben mir Komplimente. Ich dachte erst, unsere Gäste wären Förster. Sie sind Alpini. Sie sind zu einem Treffen eingeladen, bei dem es um die Vorbereitung eines feierlichen Anlasses geht. Sie schießen ein paar Fotos zusammen mit den Gastgebern und mir. Die Atmosphäre ist herzlich und liebevoll. Typisch, italienisch eben.

Nach dem Küchenputz gibt mir der Chef ein Geld. Nicht zu wenig.

„Willst Du die Saison bei uns arbeiten?“

Ja, und jetzt wird‘ s geschäftig.

„Zwei geteilter Dienst?“

„Ja. Von Neun bis Zwei und von Sechs bis Zehn.“

Das klingt ja oberflächlich schon ziemlich zivil.

„Habt Ihr ein Zimmer für mich?“

„Nein. Du hast es doch nicht weit.“

„Naja. Zwanzig Kilometer sind es. Und das mal Vier, sind achtzig. Durch Stadtverkehr. Das macht zwischen zwei und drei Stunden Fahrtzeit. Dazu kommen aller drei Tage, zwanzig Euro für Benzin.“

„Stimmt.“

„Ja. Und das fehlt mir. Dazu kommt die erhöhte Unfallgefahr.“

„Was macht das dann bei Dir.“

„Ja….Dreiacht bis Vier.“

„Wir rufen Dich an.“

Und schon bin ich wieder im Auswahlverfahren.

Wir verabschieden uns herzlich. Der Tageslohn ist jedenfalls beachtlich. Er drückt mir Zweihundert.

Mit der vollen Tasche geht es jetzt in Richtung Reschen. Nachmittags ist das kein Zuckerschlecken. Ich brauche eine und eine halbe Stunde.

Marco ist schon da und bereitet das Abendmenü vor.

„Joana ist Oben und hat Dein Essen mit.“

„Brauchst Du Hilfe?“

„Nein. Das kann Alles Dursun.“

Alfred ist nicht da. Er macht sich wahrscheinlich frisch für das Abendgeschäft. Morgens mit der Erste und Abends, der Letzte. Beachtlich in dem Alter.

Joana wartet. Sie schläft noch nicht. Ich krempele meine Taschen um und gebe ihr den Inhalt.

„Ganz schön. Und?“

„Morgen bin ich in Bozen. Das wird eine kurze Vorstellung.“

Fortsetzung Tag 79

Danke sag ich aber, wenn ich nicht grob beschissen werde. Und das ist sehr selten.

„Ich rufe an, wenn ich Dich wieder brauche.“

Das klingt jetzt bissl komisch. Für was, außer Kochen, kann ich denn sonst noch gebraucht werden? „Ist denn der Streit mit Fausto behoben?“

„Welcher Streit?“

„Sie haben zu mir gesagt, Sie hätten sich mit Fausto gestritten und der will wo anders anfangen.“

„So? Hab ich das gesagt?“

Eigentlich wird es Zeit, dort wegzukommen. Schneefall hat eingesetzt. Das wird lustig. Algund ist ein ziemliches Niederschlagsloch. Dort regnet es besonders viel, scheint mir. Immer, wenn ich in Tiefdruckzeiten durch Algund muss, werde ich nass. Neben Sinich, macht sich diese Gegend durch wirklich starke Niederschläge bemerkbar. Oft dachte ich, bis nach Hause schaffe ich es trocken. Algund hat oft gereicht, meine Lederkombi restlos aufzuweichen. Das Schlimme dort ist, es gibt keinen einzigen Fleck, an dem man sich schnell mit dem Motorrad unterstellen könnte. Zwei Kilometer Weg reichen, um eine Volldusche zu bekommen. Nicht selten steht dort das Wasser auf der Straße, zwanzig bis dreißig Zentimeter hoch. Das ist für Autofahrer nicht ungefährlich.

Bei dem Schneefall denke ich zuerst an die untertunnelte Ausfahrt von Meran Mitte. An deren Einfahrt auf die MEBO, kann ich immer noch überlegen, wie ich weiter fahre. Auf der MEBO liegen nur ein paar Krümel Schnee. Wahrscheinlich wirkt dort noch ein Rest schon aufgebrachten Salzes. Es ist nur etwas feucht. Für Zweiradfahrer ein gefährlicher Straßenzustand. Zum Glück ist recht wenig Betrieb in die Richtung. In die Gegenrichtung, ist ein richtiges Gedränge. An der Forstbrauerei ist jeder Parkplatz belegt. Dort gibt es Stau. Das erinnert mich an DDR- Ausfluglokale im Erzgebirge oder an diversen Stauseen wie Kriebstein. In Burg - Kriebstein hatten mal zu DDR - Zeiten, Westspione die sächsische Nationalkunst geplündert. Sie gingen damit ihrer Gewohnheit nach; Plündern und Zerstören. Mit dem Fall der Mauer wurde dieser westdeutsche Nationalsport auf dem DDRgebiet kultiviert. Das war die Hochzeit für die alten verurteilten Kriegsverbrecherfamilien aus Bayern und Schwaben.

Ich bin schon zu Hause. Heute lohnt es sich, zu Joana zu fahren. Sonntags ist in meine Richtung sicher kein Stau zu erwarten.

Bis Schlanders treffe ich nur Stau auf der Gegenseite. Ich könnte an keinem Fleck einen Traktor überholen. So dicht ist der Rückreiseverkehr.

Kaum bin ich aus Schlanders raus, kommt mir der gleiche Stau wieder entgegen. Dieses Mal habe ich einige Kurvenschneider dabei, die mich weit über den rechten Rand zwingen. Ein Ochse schneidet als Erster die Kurve und alle Trottel machen es ihm nach als hingen sie bei ihm an einem Abschleppseil. Ab der Abfahrt Allitz wird Luft. Jetzt beginnt ein Wettrennen, bei dem sich alle frei fahren, die sich beengt und behindert fühlten. Und das in meinem Gegenverkehr. Drei Autos neben einander. Das ist dort die Grundnorm. Durch Eyrs ist Stau. Viele Polizisten stehen am Rand. Hin und wieder stehen auch Autofahrer bei ihnen, die sicher abkassiert werden. Ab Spondinig ist plötzlich Ruhe. Ich will es kaum glauben. Wahrscheinlich fahren die Besucher des Reschen, eher nach Hause als die aus dem Stilfser Gebiet kommenden. Bis Mals geht es schnell und ab dort, treffe ich nur noch ein paar Kollegen, die nach Hause fahren.

Alfred steht mit Dursun vorm Hotel. Sie entspannen jetzt etwas. Alfred winkt mit der Hand abfällig. Die Zwei scheinen froh zu sein, den Tag geschafft zu haben.

„So viele Reklamationen wie an diesem Sonntag, hatte ich noch nie.“

„Was ist denn reklamiert worden?“

„Der Preis.“

„Also, wie üblich. Das Buffet drei Mal leer fressen und dann reklamieren.“

„Die haben sogar für die Heimfahrt das Jausenbuffet abgeräumt.“

„Da sind wenigstens die Reste vom Frühstücksbuffet mit verräumt.“

„Zum Glück. Obwohl; unsere Schweine hätten sich auch gefreut drüber.“

„Geh mal zu Marco. Der hat Dir ein Leckerlie gekocht.“

Ich gehe zu Marco. Joana ist auch da. Marco hat mir eine Riesenschüssel Backhähnchen gekocht. Ich werde fast verrückt bei dem Anblick. Jetzt noch ein Pfund gut abgeschmeckte, selbstgemachte Mayonnaise und dann ins Bett.

„Wo bist Du morgen?“

„In Schenna. Ich glaube nicht an ein festes Engagement. Schenna hat erst im April Saisonbeginn.“

„Schenna. Ein Einfamiliengeschäft. Ni gut“, sagt Marco.

„Ein Name, eine Firma, eine Familie.“

„Genau das.“

„Danke, mei Gutster und gute Nacht.“

Joana geht mit aufs Zimmer. Wir reden noch etwas von dem Tag und verdrücken zusammen die Riesenschüssel, Backhähnchen.

 

Tag 79

Tag 79

Irgendwie ist es schon mal schön, ausschlafen zu können. In unserem Beruf wird zu langer Schlaf mit Kopfschmerzen belohnt. Wir sind es nicht gewohnt, lange zu schlafen. Die Unmengen an Benzolen, die wir bei Grill- und Bratarbeiten einatmen, tun dann ihr Werk. Dagegen ist Rauchen, reine Medizin. Besonders schlimm ist das in Gasküchen. Und genau die sind beliebt bei Unternehmern, weil billig. Gunda ist da eine Ausnahme. Ihre Bratplatte besteht aus Ceran. Der Umgang mit Ceranbratfeldern muss etwas geübt werden.

Mein Frühstück besteht aus Kaffee und selbstgedrehten, fast tabakfreien Zigaretten. Gelegentlich streue ich mir ein paar Gramm Burley mit rein. Das ergibt einen leichten Zigarrengeschmack. Ich lasse mir gerade wieder ein paar Kräuter durch die Nudelmaschine. Die fermentiere ich nach dem Schneiden. Die letzten Weinblätter musste ich anders verarbeiten. Die habe ich fast ein halbes Jahr fermentiert. Der Geschmack war dann etwas zu dominant. Nicht wirklich ein Rauchgenuss. Ich hab dann meine Hackfleischröllchen drinnen eingerollt und das Weinlaub als Bratwurstdarm benutzt. Und das schmeckte. Allgemein fermentiere ich meine Kräuter mit Vanille, Kokos, Kirsch und Rum. Das schmeckt als Rauchtabak aber witzigerweise, auch als Bratwurst. Jetzt muss ich nur noch probieren, ob das als Tee schmeckt. Dann wäre meine Welt perfekt.

Eigentlich wäre heute alpiner Sport im Fernsehen angesagt. Komisch. Solche Sportveranstaltungen finden ausnahmslos an Wochenenden statt. Dienstleister wir Köche, Kellner und viele mehr, werden davon ausgegrenzt. Uns bliebe jetzt nur die Aufzeichnung der Veranstaltung. Und das ausgerechnet bei privaten Fernsehanstalten, die selbst ihrem eigenen Programm nicht folgen.

Wir schauen dann eben diesen Profisport nicht mehr. Vielleicht ist das auch gut so. Wir haben damit eine Aufregung weniger, aber eine Ausgrenzung mehr. Eine Unterhaltung mit diesem Thema ist dann für uns tabu.

Heute Früh hat es minus ein Grad. Es ist trocken. Das ist fast schon ein ideales Motorradwetter. Um die gefrorenen Pfützen müssen wir natürlich einen Bogen fahren. Aber sonst, geht es gut.

Heute Morgen treffe ich keinen einzigen Fahrer bis Algund. Erst im Ort sind ein paar Autos zu sehen. Die meisten haben Ski auf dem Dach. Ein paar Rodel sehe ich auch.

Gunda ist noch nicht da. Wahrscheinlich ging es lange gestern Abend. Dafür ist aber Dora im Haus. Sie wischt gerade das Restaurant und putzt etwas den Tresen. In der Küche klappert es. Ich schaue hinein. „Ich bin Fausto.“

„Guten Morgen. Karl.“

„Bist Du zurecht gekommen?“

„Ja. Wann kommst Du wieder?“

„Morgen. Ich könnte auch heute Abend, wenn Du Etwas vor hast.“

„Das würde mir gut passen. Ich bin morgen in Schenna.“

„Geht gut. Ich mach das heute Abend.“

„Soll ich Dir Etwas vorbereiten?“

„Etwas Salat wäre gut. Sonntag Abend ist recht viel los.“

Dora kommt mit dem Kaffee. Kurz darauf kommt auch Gunda. Sie staunt, weil Fausto schon da ist. Er sagt ihr, dass er abends arbeitet.

Zu Mittag erwarten wir nicht die große Menge Gäste. Zum Abend schon. Ich mach uns den Salat fertig. Genug; auch für abends. Dazu koche ich für Fausto im Dämpfer, Pellkartoffeln. Dora möchte gern so ein Geflügel essen, das ich als Wiener Backhähnchen gekocht habe. Fried Chicken. Sie schaut genau zu, wie ich es mache. „Das geht ja einfach“, sagt sie zu mir.

Wir haben zu Mittag, vier Essen. Wiener Schnitzel mit Pommes. Das war‘s. Zu Nachmittag, denke ich, wird es Kuchen geben. Gunda hat drei Tortenkartons.

„Komm mal bitte zu mir ins Büro.“

Ich gehe ins Büro. Gleich hinter dem Tresen. Das Büro hat kein Fenster. Gunda bedankt sich und gibt mir Fünfhundert. Ich bedanke mich auch. Aus Höflichkeit. Für einen Lohn muss man sich nicht bedanken. Lohn ist eine Schuld für bereits erbrachte Leistung.

Fortsetzung folgt

 

Tag 78

Tag 78

Ich werde geweckt. Nicht von Joana, sondern vom Zimmertelefon. Joana ist schon Unten. Reka hat die Telefonanlage neu programmiert, die mich wecken soll. Sie sagt mir, es sei eine Probe. Sie mussten die Anlage neu programmieren. „Der Kaffee wartet schon“, sagt sie zu mir und lacht.

Nach einer Katzenwäsche gehe ich schnell runter. Alle sind da. Heute ist ein Wechseltag. Für sämtliche Abreisen stehen Anreisen zu Buche. Die Zimmermädchen haben heute besonderen Druck.

Oft stehen die Anreisenden schon im Haus, während die Abreisenden noch bis Zehn im Zimmer sind. Wir üblich, gibt es auch da säumige Gäste. Die sind eben der Meinung, sie könnten bis Nachmittag im Zimmer bleiben. In so einem Fall räumt Dursun das Zimmer. Dursun weiß viel zu erzählen über solche Räumaktionen. Dursun ist aber weder ein Arzt noch ein Anwalt. Er steht nicht unter Schweigepflicht. Als Gast, der es auf so Etwas ankommen lässt, würde ich mir das vorher überlegen. Vor allem dann, wenn ich über undichte Ausscheidungsöffnungen verfüge oder es mit der Sauberkeit nicht so genau nehme. Wer sich also nach der Benutzung der Toilette nebst reichlich Toilettenpapier, ungewaschen auf das Bett setzt, zeigt das Dursun. Dursun und unsere Frauen müssen sich davon nicht mehr übergeben. Sie sehen es zu oft. Und selbst da, können sie Unterschiede zwischen einzelnen Völkern und Nationen erkennen. Und ausgerechnet die, welche Bürger anderer Nationen als Untermenschen oder Drecksvolk bezeichnen, haben die längsten Bremsspuren in der Bettwäsche. Ausgerechnet unsere italienischen und muslimischen Gäste, hinterlassen mehrheitlich, tadellose Bettwäsche. Oft denken unsere Zimmermädchen, die Zimmer wären nur kurz belegt oder gar nicht benutzt worden. Wir amüsieren uns immer wieder über Dursuns Geschichten. Ahu und Mira geben dazu auch kurze Kommentare. Genauer brauchen sie das nicht beschreiben. Der Bäcker würde denken, wir mögen seine Personalgaben nicht mehr. Zum Glück ist sonntags das Gebäck bereits verzehrt. Sonntagmorgen finden die Zimmermädchen und Dursun auch diverse Mageninhalte in den Betten und Bädern. Da bliebe das Gebäck stehen.

Mit den wirklich unterhaltsamen Frühstück im Bauch, fahre ich los. Ich befürchte einen recht strengen Verkehr. Die Befürchtung wird nicht erfüllt. Die Straßen sind leer. Fast wie Sonntagmorgen. Ab Naturns kommen mir erst Autos entgegen, die Skiausrüstungen auf dem Dach haben.

Zu Hause bin ich recht früh. Ich kann fast zwei Stunden ruhen. Ehrlich gesagt, brauche ich das auch. Ich fühle mich schlaff und verbraucht.

Zu Gunda fahre ich heute wieder mit dem Motorrad. Abends sind zwar Niederschläge angesagt, aber Schnee erwarte ich keinen. Es ist tagsüber zu warm für Schneefall.

Heute ist kein Tagesmenü vorzubereiten. Das passt. Wir sind kein Ausflugslokal. Ein paar Frühschoppler sitzen am Tresen. Sonst ist das Lokal ziemlich leer.

Küchentechnisch ist eigentlich Nichts vorzubereiten. Selbst Salatteller würde ich erst auf Abruf herstellen. Ich koche ein paar Pellkartoffeln. Gunda hat feine Pustertaler Kartoffeln mitgebracht. Die liegen etwas zu warm neben der Kühlzelle. Ein Fünf-Kilo-Säckchen koche ich, bevor sie anfangen zu keimen. Ein paar Karotten könnte ich noch schälen. Als Vorbereitung für Salat oder als Gemüsebeilage für Montag.

Das Mittag geht schnell rum. Wir verkaufen drei Spiegeleier und ein Wiener Schnitzel mit Pommes. Kaum ist das Mittag vorbei, kommt Dora. Sie bleibt bis zum Feierabend über Nachmittag. Sie hat Kuchen mit. Wahrscheinlich verkauft Gunda am Samstag Nachmittag etwas Gebäck. Ich verabschiede mich bis zum Abendservice. Selbst diese vier Wege von zu Hause zur Arbeit und zurück, kosten mich ohne den Weg nach Nauders, pro Tag, Benzin für fast vierzig Kilometer. Das sind drei Euro. Pro Monat wären das zwischen siebzig und achtzig Euro. Die Kosten inklusive Steuern, bezahle ich von einem Lohn, den ich schon versteuert habe. Und das zu Gunsten einer Firma, für die ich arbeite.

Im Fernsehen kommt alpiner Skisport. Ich stelle die Wecker und schlafe ein bei der Übertragung. Zu Essen gibt es nichts.

Gegen halb Fünf weckt mich wieder der Wecker. Langsam wird mir der Tagesablauf zu eintönig. Schlafen, Fahren und Buckeln. Am Montag geht es nach Schenna. Mal sehen, was es dort gibt. Ich erwarte etwas Abwechslung. Sonst nichts.

Das Abendgeschäft schien mir etwas interessanter zu werden. Im Gastraum saßen um die zwanzig Gäste, die ich noch nicht gesehen habe. Ich dachte, die bleiben zum Essen. Irrtum. Zehn Minuten später brechen sie auf. Neben ein paar Wiener- und Naturschnitzeln mit Pommes und Röstkartoffeln, verkaufe ich zwei Speckbrettln. Das war mein Abendgeschäft. Ehrlich gesagt, ist der Erlös bei Spiegeleiern etwas höher.

Gunda dankt mir und Dora möchte die Küche allein putzen. Sie schicken mich nach Hause. Es ist ziemlich spät. Bei einer Stunde Fahrt, schaffe ich es noch vor Zwölf.

Zu Hause angekommen, rufe ich Joana an. Sie verbietet mir zu fahren. Mir bleibt also ein einsamer Fernsehabend. Um mich etwas aufzubauen, schaue ich mir „Die Olsenbande“ an. Trotz des lustigen Filmes, muss ich an Helga Hahnemann denken, die an Krebs starb. Helga kannte ich noch als kulinarischer Gastgeber. Sie war ziemlich oft Gastkünstler in unserem Kulturhaus.

Ich schlafe ein beim zweiten Teil dieser Serie.