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Fortsetzung Die Eröffnung

Das Abendbrot essen wir zusammen. An der Küchentür klopft es. Zwei Hotelgäste fragen in gebrochenem Deutsch, ob wir etwas zu Essen haben. 'Die Zwei kenne ich doch', denk ich mir.

"Wir kommen von Ihrer Mutter. Sie sagt, Sie könnten das, was wir essen, besser kochen als sie."

"Und was essen Sie gern?"

"Filetsteak. Dick, nicht geklopft und innen, rot."

"Das habe ich da. Wir waren die Tage einkaufen. Es ist frisch und gut gelagert."

"Zwei Stück mit frischen Champignons."

Hui. Ein Großauftrag. "Wie groß sollen die sein?"

"Dreihundert Gramm ein Steak."

"Kommen Sie rein. Was wollen Sie trinken?"

"Ein Bier von hier. Groß bitte. Die Champignons bitte nicht schneiden."

Fortsetzung folgt

Fortsetzung Die Eröffnung

Zu der Zeit war der Plan leicht umsetzbar. Es gab einfach zu wenig Zimmer. Ein Berater aus dem Westen sagt uns, in der ersten Woche des Monats müssen sämtliche Kosten des gesamten Monats verdient sein. Unter dem würde das Geschäft nicht laufen. Wir sollen bei allen Preisen einen Hebesatz von Fünf anwenden. Also, Nettoeinkaufspreis mal Fünf. Die Ersten, die sich bei uns über die Preise beklagen, sind ausgerechnet Westdeutsche. Die Berater wurden uns meistens von der Bank geschickt. Sie begleiten uns sehr lange. Wir sehen das als gute Geste der Bank. Unsere Hausbank bucht auch sehr oft Zimmer bei uns.

Nach dem Mittag habe ich etwas Zeit und die möchte ich gern nutzen, endlich mal die Inhalte der Päckchen zu testen, die mir Karin und Steffen mitgebracht haben. Ich klopfe bei Steffen.

Selbstzensur

Fortsetzung folgt

 

Fortsetzung Die Eröffnung

Eine der beiden Bedienungen soll mir in der Küche helfen bei Bedarf. Eigentlich gehe ich davon aus, Rosi wäre gut geeignet. Sie ist schließlich eine Frau. Für gewöhnlich, kochen auch in der DDR mehrheitlich die Frauen. Zumindest machen sie das Abendbrot. An ihrem Gesicht kann ich erkennen, ihr ist das nicht besonders angenehm. Wir einigen uns darauf, Rosi und Andi helfen abwechselnd in der Küche.

Unsere lieben Familienmitglieder kommen natürlich zuerst zum Frühstück. Sie wollen schnell abreisen und uns Platz machen für die Hausgäste.

Heute bereitet Rosi unter Anleitung von Joana das Frühstück zu. Morgen, am ersten Öffnungstag, soll das Andi tun. Rosi bekommt einen roten Kopf. Sie schwitzt. Dabei ist die Frühstücksküche relativ einfach und gemütlich. Ein gutes Aufwärmprogramm für den Tag. Andi bedient, bestellt und serviert. Schon bei den Fünf-Minuteneiern gibt es die ersten Probleme. Völlig normal bei Neueröffnungen. Und trotzdem werden die zwei Profis nervös.

Nach dem Frühstück sagt Andi zu mir: "Für uns Zwei ist das nichts." Rosi steht dahinter und nickt.

"Ihr wollt also gehen?", fragt Joana.

"Ja"

"Na denn. Auf Wiedersehen."

Und schon waren de Zwei weg. Rosi hätte beinahe unsere Schürze mit genommen. Joana hat das verhindert. Die Schürzen sind nicht billig. In der DDR hat das vielleicht funktioniert. Jetzt weht aber ein etwas anderer Wind. Firmeneigentum ist plötzlich kein Volkseigentum mehr. Das zumindest behaupten jetzt die Firmenbesitzer. Und wir sind hoch verschuldete Besitzer. Verwalter wäre vielleicht der passende Begriff. So lange die Bank im Grundbuch steht, sind wir Zwei Angestellte der Bank.

Andrea kann das nicht begreifen. Sie sagt zu Joana: "Das Frühstück übernehme ich mit."

Unsere Freude ist groß. Eine Sorge weniger. Andrea will also jetzt das Frühstück und die Zimmer machen. Joana wird ihr sicher helfen dabei. Die Zwei geben ein gutes Team.

Karin holt Steffen aus dem Zimmer. Steffen stellt sich noch einmal allen Verwanden vor. Mischa auch. Alle Verwanden verabschieden sich von uns. Wir begleiten sie bis auf unseren Parkplatz und winken zum Abschied.

Alle, die da geblieben sind, holen jetzt ein gemeinsames Frühstück nach. Karin setzt sich neben Joana und legt sofort die Hand auf Joanas Oberschenkel. "Unersättlich", sag ich zu Karin.

"Wenn Du heute etwas Zeit hast, kannst Du Deine Geschenke mal ausprobieren", sagt Steffen zu mir.

"Wie viele hast Du mir denn mitgebracht?"

"Zehn", antwortet Karin. Sie rollt dabei mir den Augen. Dabei gehen mir die gemeinsamen Duschgänge an der Trasse durch den Kopf. Karin wollte zu gern den Rücken gewaschen haben. Schon bei den ersten zwei Strichen über den Rücken hat sie sich umgedreht. Mit ihren Brustwarzen hätten wir die Eintrittskarten entwerten können.

"Steffen lacht laut." Eifersucht ist meinem Freund Steffen ein Fremdwort. Der lebt in vollen Zügen.

"Willst Du die Dinger allein ausprobieren?"

"Ehrlich gesagt, wäre mir das lieber."

"Ist gut. Ich zeige Dir dann mal, wie die Dinger richtig benutzt werden."

Einkauf ist heute keiner mehr zu erledigen. Die Lieferungen sind alle im Haus. An der Tür stehen schon die ersten Vertreter. Wir haben immer noch unseren Ruhetag. Die ersten zwei wollen mir Abonnements für Zeitungen aufdrehen. Dann kommen zwei mit Versicherungen. Und noch vor dem Mittag, kommen Vertreter für Gläser, Geschirr, Getränke, Gefrierkost, Autozubehör und Hotelkataloge.

Wir schließen erst mal die Tür. Das war uns wirklich zu lästig. Nicht einer sprach sächsisch. Alle waren irgendwie verlebte, fast verlaust wirkende Westler. Wir würden diese Gestalten als Penner oder Säufer abtun. Wie kann man sich so seinen Lebensunterhalt verdienen? Grauenvoll!

Am frühen Nachmittag rücken die ersten Übernachtungen ein. Mutter hat sie geschickt. Andere, bereits ausgebuchte Kollegen, schickten uns auch Gäste. Bis jetzt scheint das zu funktionieren. Selbst an unserem Ruhetag. Wenn sich das so fortsetzt, ist eigentlich auch unser Ruhetag für die Katz. Steffen und Karin haben das sofort begriffen.

Andre und Joana wollen schnell die Zimmer her richten. Karin geht mit. Sie blinzelt Karin schon so verdächtig an. Irgendwie sieht Karin, wer es nötig hat. "Ich mach die Zimmer gleich mit."

Steffen lacht schon wieder.

"Bleibt ihr noch etwas?"

"Bis zum Wochenende können wir schon bleiben."

Steffen interessiert sich sehr, wie unser Betrieb läuft.

Bei jedem Klopfen an der Tür öffne ich einen Spalt und frage, was die Herrschaften möchten. Vertreter schicke ich umgehend weg. Einige Vertreter suchen aber eine Übernachtung. Und die lasse ich sofort rein mit dem Hinweis, dass wir heute noch Ruhetag haben. Das war allen recht. Unser Hotel ist voll belegt.

Unsere Zimmerpreise haben wir pro Zimmer verlangt. Uns war eigentlich egal, wie viele Gäste auf dem Zimmer liegen. Das erschien uns günstiger als den Preis pro Person zu berechnen. Wir hätten überwachen müssen, ob sich unsere Gäste über Nacht noch einen Beischläfer einladen.

Das war uns zu viel Aufwand. In unseren Augen wäre das auch zu viel Schnüffelei.

Fortsetzung Die Eröffnung

Langsam verabschieden sich unsere Gäste. Die neuen Kontakte werden uns zukünftig helfen. Steffen bleibt mit mir und Mischa allein. Sie helfen mir beim Aufräumen. Wir trinken zusammen Kaffee dabei. Morgen müssen wir frisch sein. Mischa war auch Koch. Den hatte ich mit ausgebildet. Warum er den Beruf an den Nagel hing, hat eindeutig mit den Löhnen zu tun, die jetzt bezahlt werden.

"Davon kann ich nicht leben", sagt er. Bei Steffen war das nicht viel anders. Die Selbstständigkeit war die einzige Rettung aus diesem Dilemma. Wir alle hätten sonst täglich vor dem besetzten Amt gestanden und um Geld oder Arbeit gebettelt. Und das ausgerechnet bei Denen, die uns beklaut haben.

Ich frage Mischa, ob er heute mal ein neues Hotelzimmer einschlafen möchte.

"Gern!", hat er geantwortet.

Wir gehen alle zusammen hoch in die erste Etage. Dort sind noch Zimmer frei. In den anderen schlafen unsere Familienangehörigen, die noch da geblieben sind. Wir lachen leise, weil wir ein leichtes Schnarchen hören.

"Ich bin doch noch gar nicht auf dem Zimmer", sagt Steffen leise. "Ist das etwa Karin?"

Er öffnet die Tür und Karin liegt zusammen mit Joana im Bett. Eng umschlungen. Karin mit gespreizten Beinen, nur halb zugedeckt. Joana mit dem linken Bein zwischen ihren. Das Bett liegt voller Dildos und Gummispielsachen.

"Oh. Die haben aber lange getestet", sage ich zu Steffen.

"Hast Du noch ein Zimmer frei?"

"Aber sicher, Steffen."

Ich gehe mit Steffen in die neu gebauten Dachzimmer. Ihm bleibt die Spucke weg. "Wunderschön!"

Wir sind ganz leise. Auf dem Fensterbrett steht ein Kauz mit zwei Jungen. Sie schauen uns ins Fenster. Neben unserem Hotel stehen riesengroße Linden. In diesen Linden habe die Käuze ihr Nest.

Die Drei wirken wie Silberstatuen. Die Mama kneift abwechselnd ein Auge zu. Sie rühren sich nicht. Wir schalten das Licht ab und ich gebe Steffen ein anderes Zimmer.

"Noch schöner. Mit Blick auf den Ort."

Auf dieser Seite haben wir vier Kastanienbäume stehen. Das soll unser Biergarten werden.

"In vier Stunden müssen wir raus", sage ich zu Steffen.

"Gute Nacht, Karl."

Unsere Wohnung ist praktisch noch eine Baustelle. Im Nachbarzimmer schläft Rolf und Julia. Wir haben nur zwei Zimmer. Ein Bad und ein Schlafzimmer. Das Schlafzimmer ist schon eingerichtet. Die Möbel haben wir mit der Gaststätteneinrichtung gekauft. Wir haben beschissen. Das Riesenbett und der Riesenschrank waren es wert. Mehr brauchen wir nicht.

Die Dusche ist noch nicht ganz fertig. Ich muss die Fliesen noch fugen. Das große Waschbecken hat Rolf zuerst angeschlossen. Beim Aufdrehen des Warmwasser, kommt sofort warmes Wasser. Und das bei fast fünfzig Metern Leitung. Rolf hat eine fähige Pumpe eingebaut. Sehr gut. Ich bin zufrieden.

Der Morgen nach einem schnellen Schlaf wirkt sich auf uns unterschiedlich aus. Einige sind etwas launisch. Andere schauen extrem glücklich aus. Dazu zählen Karin und Joana. Die haben ein Gemüt heute früh. Mischa ist noch etwas besoffen und winkt ab beim Kaffeetrinken.

"Ich kann noch nicht fahren."

Steffen ist noch nicht unten.

"Lass ihn noch etwas schlafen. Er braucht das."

Karin steht in unserer neuen Küche und staunt.

"Ich brauche jetzt einen Grießbrei."

Den hat sie schon an der Trasse gern gegessen. Mit brauner Butter und Zucker.

"Du bist der Koch", ruft Joana und lacht.

Mein Gott. Wie schön sie aussieht, wenn sie lacht. Herbert hat mir ein Sternchen gegeben. Die Sorgenränder um die Augen waren wie weg geblasen. Joana strahlt wie ein Stern.

Andi und Rosi, unsere neuen Mitarbeiter, kommen pünktlich zur Arbeit. Beide sind gelernte Kellner.

Kellner haben in der DDR auch etwas Küche mit gelernt. Durch die Schließung ihres Betriebes wurden sie arbeitslos. Zur gleichen Zeit kommt auch Andrea zu uns. Andrea ist Mama und unser neues Zimmermädchen. Sie hat in einem Trikotagenwerk von Weltruhm gearbeitet. Außer dem Weltruhm ist ihr nichts geblieben. Das Werk ist geschlossen und die Maschinen wurden gestohlen. Andrea sagt, ihre Maschinen stehen jetzt in der Türkei.

"Da stehen sie wenigstens bei Menschen, die damit umgehen können", antworte ich ihr.

Andrea ist eine hübsche Frau. Sie hat einen arbeitslosen Mann und ein Kind zu ernähren. Andreas Mann war Werkzeugmacher. Meister seines Faches. Solche Spezialisten brauchen Besatzer nicht. Zu teuer und, wenn er ein Meister ist, zu rot. Irgendwie hat ihm das den Rest gegeben. Jochen trinkt etwas zur Zeit. Andrea sagt, er muss Etwas arbeiten. Ich kann ihr im Moment noch keine Hoffnung machen. Wir wissen nicht, ob unser Betrieb ankommt und ob wir davon leben können.

Fortsetzung folgt

Fortsetzung Die Eröffnung

Nach Steffen kommt heute praktisch die gesamte Familie. Und die kommen mitunter von sehr weit her. Dazu haben wir die Handwerker und Händler des Ortes eingeladen. Gerade die Beziehungen sind uns wichtig für die Lieferungen von Lebensmitteln und Reparaturen aller Art. Selbst die Kreiszeitung war zugegen. Ich habe sie nicht bestellt. Dazu kamen die örtlichen Vertreter, aber nicht der Bürgermeister. Am meisten freute mich, alte Freunde und Genossen aus der Partei begrüßen zu dürfen. Zünftig kamen sie. Mit einem Strauß Roter Nelken. Einige konnten ihren Arbeitsplatz retten. Für sie gab es keinen Ersatz. Andere haben wie wir, ein kleines Unternehmen gegründet. Heute und morgen, sind nur geladene Gäste zugegen. Wir präsentieren unsere Zimmer in der Absicht, deren Gästen, Quartier bieten zu können. Margret von der Brauerei, Jens und Agnes gehörten zu den geladenen Gästen. Margret hat uns zwei Fass Bier gespendet. Eins davon war eine Neuentwicklung der Brauerei. Ein Kräusenbier.

"Trübes Bier hatten wir doch schon früher", sage ich zu Margret.

"Das ist ja der Witz. Heute saufen die das förmlich, ohne zu mucken."

"Deine Kenntnisse, Margret, helfen mir etwas. Ich kann darauf nicht verzichten. Selbstverständlich nehme ich nur Euer Bier und das aus Sachsen."

Für den öffentlichen Verkehr öffnen wir am Wochenende. Mit einer Zeitungsanzeige kündigen wir das Vorhaben an. Wie erwartet, war die Bude brechend voll. Wir haben natürlich etwas geschwommen. Bei einer Neueröffnung ist das natürlich normal. Vor Baumärkten und anderen Einrichtungen, bildeten sich hundert Meter lange Schlangen. Nur in einem kleinen Hotel fangen Einige an, sich zu beklagen. Dabei sind wir die Handwerker, welche die Produkte frisch herstellen. Einige Kunden verwechseln ein Restaurant mit einem Imbiss. Selbst bei einem Imbiss stehen sie zwanzig Minuten in einer Schlange. Bei uns können sie wenigstens sitzen, miteinander reden und etwas trinken. Wir gehen davon aus, dass uns diese Gäste von der Konkurrenz geschickt wurden. Für uns war der Begriff Konkurrenz ziemlich neu. Bis dahin glaubten wir tatsächlich an ein Miteinander. Jetzt dürfen wir miterleben, wie sich Mafias, Clans und Seilschaften bilden. Überlebenskampf in Vollendung. Wir werden damit aktiver Bestandteil einer gesetzlosen Tierwelt.

Der Tag geht vorbei und wir feiern mit Steffen und Karin etwas nach. Joana verabschiedet sich wieder mit Karin. "Wir sind jetzt müde", sagt Karin breit lächelnd.

Ab morgen haben wir zwei Ruhetage. Die Ruhetage haben wir auf Wochenanfang gesetzt, um uns vom Wochenende etwas zu erholen. Uns erschien Dienstag und Mittwoch recht günstig. Montags hatten alle anderen Gastwirte der Umgebung, Ruhetag.

Ich bin nicht allein geblieben. Einige Jugendliche und Handwerker sind geblieben. Die waren gestern schon da.

"Das habt Ihr gut hin bekommen heute."

"Oh. Ich dachte eher, wir hätten uns teilweise blamiert."

"Ich bin Achim, Klempnermeister hier in Wunderbachwitz."

"Ich bin Mischa und handele mit Gebrauchtwagen."

Ein etwas kürzerer, rothaariger Mann stellt sich mit Mathias vor. Er kommt aus dem Nachbarort und hat bei uns hier in Wunderbachwitz eine Freundin. Die ist auch schon gegangen.

"Ich bin Elektroinstallateur."

Steffen redet sofort mit Mischa. Beide setzen sich etwas abseits hin und diskutieren.

Die jungen Leute stellen sich als Jugendclub des Ortes vor. Sie sind stark an einer neuen Örtlichkeit interessiert. Ihnen wurde der Club gekündigt. Genau wie bei Jens und Agnes im Nachbarort.

"Ich habe unten einen kleinen Raum, den wir zu einem Club umbauen können."

"Das klingt schon mal gut. Tanzveranstaltungen willst Du keine mehr machen?"

"Ihr kennt unseren Saal. Der ist baufällig. Im Moment ist mir das zu riskant und zu teuer."

Der Gedanke ist an sich nicht schlecht. Über Nacht wurden alle Tanzsäle geschlossen. Ein paar Schulfreunde von Joana haben eine Discothek eröffnet. Die läuft gut.

Fortsetzung folgt

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