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Fortsetzung Joana wird Hotelier

Als wir zu Hause ankommen, steht schon die gesamte Nachbarschaft mit den Köpfen zusammen und tuschelt.

"Schau. Die haben schon ein neues Auto."

Wir könnten fast meinen, wir seien unbeliebt. Eigentlich könnten wir davon ausgehen, wir wären bekannt hier. Woher kommt plötzlich das Misstrauen und die nachbarliche, versteckte Missgunst?

Einige Arbeiter sind noch da. Sie sagen uns, die Küche kommt morgen.

Langsam wird es Zeit, sich um Gehilfen oder Personal zu kümmern. Das Haus braucht eine Grundreinigung. Außerdem müssen die Lieferungen eingeräumt und auf Probe gekocht werden.

Ralf und Julia wollen meine Eltern und ihren Gasthof kennen lernen. Wir gehen gleich Essen bei ihnen. Das Telefon funktioniert mittlerweile. Mutter ist erstaunt von uns zu hören.

Am Stammtisch bei Mutter werden die Stammgäste langsam neugierig.

"Wann ist denn Eröffnung?"

"Ich schätze, in vierzehn Tagen."

"Das ging aber schnell. Ihr habt zwei Monate gebraucht."

"Ich bin selbst überrascht. Wir dachten zeitweise, das Haus bekommen wir nie auf."

"Gab es denn Probleme?"

"Ja. Die Zahlungen der Handwerker kamen oft nicht pünktlich. Dann war das Konto auch mal gesperrt. Dank Rolf liefen die Zahlungen dann aber wieder."

"Wer ist denn Rolf?"

Ich zeige auf unser Klempnerehepaar. Rolf stellt sich und Julia gleich vor. Mutter spendiert uns Allen das Essen. Schnitzel mit Pilzen. Typisch sächsisch.

Neben vielen Ratschlägen, erfahre ich von ihr, wie die Leute im Ort über unsere Gaststätte reden. Die Meinungen sind uns wichtig. Viele Bauarbeiter kommen aus dem Ort, in dem Mutter ihren Gasthof betreibt. Mit Einigen hatte ich etwas Streit, weil sie den Bau mit einem Abriss verwechselt haben. Und das waren ausgerechnet gute Schulfreunde von mir.

Mir fiel ein völlig neues Phänomen auf in unserer Gesellschaft.

Es war die peinliche Angst um den Arbeitsplatz. Und nicht nur das. Mit einem Mal war die eigene Meinung weg, die früher lautstark auch am Stammtisch geäußert wurde. Plötzlich kroch Jeder seinem Chef in den Hintern. Alle machten ausschließlich das, was der Chef auftrug. Das Ergebnis war schlechter, nicht besser. Es gab viele Pannen und unordentliche Baustellen. Die Rechnungen waren gepfeffert und es gab viel Streit. Auch vor Gericht.

Joana musste zu der Zeit oft die Gummifreunde benutzen. Ich wurde nahezu unfruchtbar. Die Nerven spielten nicht mit. Jetzt lernten wir die Krankheiten des Westens kennen.

Wir luden Steffen und Karin ein zur Eröffnung. Nicht nur die. Auch die Familien und Handwerker. Es sollte ein Bauheben geben, bei dem wir auch die neue Technik einweihen konnten.

Fortsetzung Joana wird Hotelier

Zum Glück haben meine Eltern einen Gasthof. Sie müssen zur Zeit, hundert Nachfragen ablehnen und zu Kollegen schicken. Zuerst wird mir diese Lösung, Gäste bringen. Für Später muss uns Etwas einfallen.

Unsere Zimmer, die Gaststätte und selbst unsere Lagerräume, nehmen langsam Gestalt an. Die Küche fehlt. Ich brauche keine Werbung schalten, um Kücheneinrichter einzuladen. Vor unserer Haustür geben sich Vertreter die Klinke in die Hand. Ich frage mich, wer die schickt und woher die wissen, dass wir ein Hotel bauen. Irgend Jemand verlauft nebenbei, Tipps und Adressen. Komischerweise finden die uns umgehend. Ohne Werbung.

Ganz nebenbei machen wir uns jetzt Gedanken, woher wir unsere Hotelwäsche beziehen. Es gibt Wäschereien, die verleihen Wäsche. Deren Kilopreise sind für uns nicht wirklich tragbar. Wir würden für die Bank und für die Wäscherei arbeiten. Zur Zeit, werden sehr viele DDR Betriebe aufgelöst. Auf nimmer Wiedersehen. Darunter sind sehr bekannte DDR Firmen für Bettwäsche, Bestecke, Gläser und Geschirr. An genau diese Firmen wenden wir uns. Alle laden uns ein, den Einkauf bei ihnen vorzunehmen.

Joana freut sich, endlich mal wieder aus dem Haus zu kommen. Wir fahren endlich wieder Mal ins Erzgebirge und ins Muldental. Unser Wartburg hat mit mancher Ladung schwer zu schnaufen. Die Einkäufe werden ihm den Rest geben. Wenn nicht die Ladung, dann ein Unfall. Auf unseren Straßen herrscht Wildwest. Die Besatzer haben eingebaute Vorfahrt. Zum Glück reduziert sich deren Zahl erheblich auf unseren Autobahnen. Aber, wie gewohnt bei Unkraut; das wächst unendlich nach. Unkraut-Ex ist gerade vergriffen bei uns. Die Westbesatzer kaufen es tonnenweise. Sind die zu faul zum jäten oder mischen die uns das ins Essen?

Wenn ich jetzt meinen Vater und Herbert so anschaue, kommt mir fast der Verdacht auf. Den Zweien geht es wirklich nicht gut im Moment.

Joana ist fast täglich bei ihnen, um zu schauen, wie es geht. Zwischendurch malt sie in der Küche, im Haus oder in der Gaststube die Decken und Wände. Das lassen wir keine Profis machen. Wir müssen sparen.

Gelegentlich bekommen wir Besuch von Familienangehörigen. Sie schauen, wie weit wird sind. Es gibt Tipps und Ratschläge. Die sind alle gut gemeint, aber jetzt nicht umsetzbar. Trotzdem halten alle zu uns und wünschen uns viel Erfolg bei unserem Vorhaben. Ehrlich gesagt, brauchen wir manches Mal diese Aufmunterungen.

Die Anmeldung vom Telefon entwickelt sich zu einem echten Schlager. In unserem Haus buhlen einige Firmen um den Vertrag. Kein Mensch kann bei diesem Schwachsinn durchsehen. Wir nehmen einfach die Telefongesellschaft der Besatzer. Die haben ja schon erfolgreich die Infrastruktur der DDR geklaut. Belohnen tun sie uns das mit dem zehnfachen DDR Preis. Diebstahl ist eben teuer.

Unser Wartburg gibt langsam den Geist auf. Den will plötzlich Keiner mehr bauen. "Keine Ersatzteile", ist die Antwort. Man bewirbt die neuen Westautos mit sagenhaften Krediten. Keiner davon ist unter zehn Prozent. Wenn gestohlen wird, dann richtig.

Rolf und Julia geben uns eine Empfehlung. "Kauft Euer Auto gebraucht bei uns im Westen."

Die Empfehlung hätten wir eigentlich von unseren Geschwistern und Angehörigen erwartet, die schon im Westen leben. Fehlanzeige. Die haben offensichtlich mit sich zu tun im heiligen Land. Wie scheint, ist für sie der goldene Westen, Arbeit. Arbeit für Andere.

Rolf nennt uns einen Händler. Wir fahren hin. Auf der Autobahn. Täglich hören wir von schweren und schwersten Unfällen auf unserer Strecke. Die Abkürzung über die Plauener Autobahn sparen wir uns. Die umfahren wir großräumig über Hermsdorf. Da geht es scheinbar etwas zivilisierter zu.

Bei dem Händler in Franken angekommen, bietet sich eine relativ große Auswahl. Bis dahin hatte ich mit einem Lada geliebäugelt. Jetzt sollte es ein Westauto sein. Für sechstausend Mark standen ein paar Karossen da. Das war etwa der Preis, den wir bezahlen konnten. Aus rechtlichen Gründen nenne ich das Ding, Fekta. Das Fahrzeug begeisterte uns. Es war ein Omol mit wenig Kilometern auf der Anzeige.

Für unseren Wartburg im besten Alter, bekamen wir einen stolzen Preis. Eintausend Mark! Ausgeschlachtet und verwertet, bringt der sicher Zehntausend.

"Wenn es Probleme gibt, kommen Sie zu uns", sagt der Händler. Die Leute waren freundlich, boten uns sofort Kaffee und Pralinen an. Ich sollte auf deren Grundstück erst mal Probe fahren. Das ging gut und das war mit meinem Wartburg vergleichbar.

Joana traute sich anfangs nicht so recht. Auf der Autobahn ging es aber gut. Unser erstes Westauto. Rolf und Julia freuten sich für uns mit.

"Mit dem Auto, könnt Ihr uns auch mal besuchen kommen, wenn Alles überstanden ist."

Ein Wettrennen haben wir uns nicht getraut. An der Autobahn stand mittlerweile zu viel Polizei. Die vielen Toten haben selbst diese schlafenden Organe geweckt.

Auf dem DDR Gebiet stand ein Jungunternehmer, der Eintöpfe aus der Gulaschkanone verkaufte. "Ein Renner hier", sagt Rolf. Wir hielten an und genehmigten uns so ein Schüsselchen. Wirklich gut und nach echtem DDR Rezept. Rolf und Julia waren ehrlich begeistert.

Fortsetzung folgt

Fortsetzung Joana wird Hotelier

'Die sind hier angerückt und wollen uns komplett beklauen und ruinieren', denke ich mir.

Wir stellen an einem ruhigen Abend fest, wie die Besatzer allein mit Rechnungen und Gefälligkeiten, ganze Staatshaushalte plündern. Und das sollen wir lernen, wie scheint. Ein Volk, das sich solche Plünderungen gefallen lässt, ist kein Volk. Selbst unsere afrikanischen Freunde verlieren über Nacht, jede Hochachtung vor diesen Kreaturen. Und das will schon etwas heißen. Im Grunde, können die nur mittels Erpressung verkaufen. Qualität ist das schon lange keine mehr. Die Muster in der Werkstatt des Tischlers waren alles andere als Stühle. Die Beine halten keine zweihundert Aufstuhlungen durch.

Wir haben zwei Zimmer her gerichtet. In einem sollen Rolf und Julia schlafen. Im anderen sein Gehilfe. Eigentlich wollte ich noch ein drittes Zimmer her richten. Für Besucher. Duschen hatten wir auf den Zimmern noch keine. Zum Duschen und Waschen sind wir in die Heizung gegangen. Der Heizer von dem Kulturhaus hatte uns Beides hinterlassen. Und das war in einem beneidenswertem Zustand. Sauber, gepflegt und voll imstande. Spanner hätten an dieser Vorrichtung ihre Freude gehabt.

Julia, Joana und später, Karin, waren alle sehr schöne Frauen. Der Heizkeller war von Außen voll einsehbar. Auch die Dusche.

In unserer Nachbarschaft lebten Bauern. Schon früher waren sie keine Genossenschaftsmitglieder. Privatbauern nannte wir sie in der DDR. Die hatten trotzdem die gleichen Bedingungen wie unsere Genossenschaften. Sie bekamen die gleichen Preise für ihre Erzeugnisse. Auch die Stützungen. Beide Bauern züchteten Pferde. Einer hatte dazu reichlich Kühe und das dazu gehörige Weideland. Das waren große Flächen bis an den Ortsrand. Im Gegensatz zu den Genossenschaftsbauern, wirkten ihre Betriebe, abgewirtschaftet. Sie waren baufällig. Die Misthaufen ihrer Wirtschaft waren, wie üblich bei Bauern, auf der Nordseite angelegt. Und genau das war die Grenze zu unserem Grundstück. Deren Jauche lief bei uns ins Abwasser und damit in unsere Kläranlage. Bei ungünstigen Wetterlagen, rochen wir das sogar in unserem Hotel. Selbst unsere Handwerker bemerkten das. Wir bauten Systeme ein, die das unterbinden sollten. Julia sagte, "Landluft verkauft sich gut in Bayern." Beim Abwasser hat das funktioniert. Bei den Fenstern geht es leider nicht.

Das Dach war in einer Woche fertig. Die Dachzimmer und alle eingebauten Nasszellen, benötigten zwei Wochen. Für die Zimmer, die Fenster, neue Fußböden, Auslegeware und Malerarbeiten, benötigten wir einen Monat. Rolf und Julia haben bei den Zellen gleich mit gemacht. Die Hauptanschlüsse folgten später. Jetzt ging es an die Küche und an die Wirtschaftsräume. Zugleich mussten die gesamten Sanitäreinrichtungen gefliest werden. Rolf kannte Fliesenleger. Die kamen zu Zweit. Sie waren Thüringer. Die Zwei hatten nur ein paar Tage Zeit, bei mir etwas zu arbeiten. Ich habe mir ihr System angeschaut und gleich angefangen, mit zu legen. Unsere Küche, die Hälfte unserer Zimmer und die Gästetoiletten habe ich selbst gelegt. Die Jungs haben mich nur noch kontrolliert auf ihren Durchreisen. Damit ergaben sich ein paar Einsparungen. Für den Außenputz hat das leider nicht gereicht. Der war auch sehr gut in Form. Leider in grau. In der DDR war es nicht üblich, Dreck mit Farbe zu überschmieren. Wir haben Dreck abgewaschen.

Unser Hotel lag nicht direkt an der Straße. Wir müssen also an der Straße, Werbung für uns aufstellen. Das klingt einfach. Auf der Gemeinde sagt der Bürgermeister zu mir: "Wir haben einen Vertrag mit einer Werbefirma. Die macht für unseren Ort die gesamte Beschilderung. Hier ist ihr Name."

Der Lump fängt doch tatsächlich an, für Prozente und Beteiligungen, Werbeflächen zu verkaufen. Nirgends finde ich einen Beschluss, dass Werbung eine einheitliche Größe haben soll. Und das an Standorten, die sich nicht an unserer Einfahrt befinden.

Ich rufe also die Firma an und schau, es war eine Westfirma. Die wollen tatsächlich für ein Schild in der Größe zwanzig Zentimeter mal achtzig Zentimeter, zweitausend Euro pro Jahr. Als ich das Julia und Rolf erzähle, sagt er mir, bei ihnen treiben diese Schutzgeldfirmen tatsächlich auch ihr Unwesen. Der Witz ist eigentlich ein anderer. Jede Firma an der Straße baut im Rahmen des Bauantrages, eine individuelle Werbung samt Beleuchtung. Mir gegenüber entsteht ein Einkaufszentrum und die Werben mit Riesenleuchttafeln. Das ist ein Westunternehmen.

Besatzer.

Fortsetzung folgt

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Am kommenden Morgen gehen wir auf die Gemeinde, stellen uns vor und beschreiben, was wir vor haben. Die Anträge werden sofort genehmigt.

"Das Gebäude steht unter Denkmalschutz."

'Na gut', dachte ich mir. 'Sie wollen so Karl Liebknecht würdigen.' Und das in einem Ort, aus dem sechs bis acht Kriegsverbrecherfamilien getürmt sind vor den Sowjetsoldaten. Die sind jetzt wieder da. 'Das wird eine lustige Gesellschaft', denke ich mir. Deren Handlanger sitzen jetzt auf dieser Gemeinde. In der Gemeindezeitung ist ein Foto, auf dem sich die Vertreter bei einem Buffet begrüßen. Es wird nicht lange dauern, die Parks, Straßen, Werke und Schulen bekommen andere Namen. Andere Vorbilder braucht das Land. Recht schaffende Leute haben hier nichts mehr zu suchen. Sie verlassen den Ort zu Tausenden. Ihre Firmen wurden über Nacht geschlossen. Zehntausende Arbeitsplätze hatte der Ort. Sportbekleidung, Strümpfe, Werkzeugbau, Freizeitbekleidung, Gärtnereien und Fahrzeugbau. Alles weg. Mit den Arbeitern gingen auch die Gastwirte. Die Stille in diesem Ort war erdrückend. Trotzdem bauten an jeder Kreuzung, Westfirmen, Einkaufszentren. Für wen?

Der Papierkram auf der Gemeinde war erdrückend für uns. Kein normaler Mensch kann diesem bürokratischen Abfall folgen. Die Westdiktatur in Hochform. Genau das haben die Propagandisten der Kriminellen uns unterstellt. Der DDR. Wir treten jetzt den direkten Vergleich an. Freie DDR gegen angeblich freie Westbesatzer. Schon am ersten Tag zwischen diesen Papieren wird klar, diese Großmäuler wollen plündern - nicht wirtschaften.

Rolf und seine Frau kommen mit einem Lieferwagen. Eine rollende Werkstatt. Rolf gibt mir den Kostenvoranschlag. Der kostet mich die Hälfte der Summe der Mitbewerber. Und ausgerechnet das kommt von einem Westler. Ich muss nicht lange überlegen. Auf Kredit finanziert, verdoppelt sich der in Anspruch genommene Betrag. Der Ingenieurbetrieb sprach von einer halben Million allein für das Sanitäre und die Heizung. Dieser Handwerker halbiert deren Kostenberechnung.

"Wann fangen wir an", fragt mich Julia.

"Ich warte noch auf den Baubetrieb. Die arbeiten gerade bei meiner Mutter. In einer Woche geht's los."

"Gut. Wir liefern zwischendurch ein paar Rohre und Materialien. Platz hast Du ja."

"Gut. Wir sind hier."

Eine Genossenschaft aus dem Kreisgebiet übernimmt den Leichtbau und die Zimmerei. Die haben mir eine Firma empfohlen, welche die Fenster wechselt. Wir bekommen jetzt Westfenster. Deren Vertreter sind gerade gekommen und vermessen die alten Fenster. Wir bauen Kunststofffenster ein.

"Die sind leise, halten die Wärme drinnen und alle Geräusche draußen", rät mir deren Vertreter. Die Fenster sehen gut aus. Das überzeugt uns.

Eigentlich fehlt uns nur noch die Einrichtung.

Wir gehen zu einem örtlichen Tischler. Der stellt keine Möbel mehr her. Mutter hatte ihre Möbel noch bei einem örtlichen Tischler bauen lassen. Der macht auch keine Möbel mehr. Alle handeln über Nacht, Westmöbel. Und die waren uns zu teuer. Ein Stuhl vierhundert Mark? Ein Tisch, das Doppelte. Und das bei zweihundert Plätzen mit den Zimmern.

Wir entschieden uns für einen Großhändler, der uns wirklich gutes Belgisches Möbel anbot. Für den viertel Preis. Vertreter dieser Firma haben bei Mutter übernachtet. Die Familienseilschaften haben sich wieder Mal als günstig bestätigt. Auf Kredit hätte ich für einen Stuhl, achthundert Mark gedrückt. Menschen können das nicht bezahlen. Auch nicht im heiligen Westen.

Fortsetzung folgt

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Bei Jens im Jugendclub wird gerade gebaut. Jens wird den Jugendclub wieder bekommen. Die Gemeinde hat den Club übernommen und Margret ist eine Sponsorin. Die Gemeindebibliothek zieht aus. Bücher braucht jetzt Keiner mehr. Vor allem Bücher über den sozialistischen Aufbau werden ausrangiert. Ich weiß nicht, ob die verbrannt werden. Das hat Tradition in den Kreisen. Die Bibliothek wird zukünftig die Wohnung von Jens und Agnes. Im Haus arbeitet ein Klempner aus Mannheim mit einem Kollegen. Jens empfiehlt mir den Handwerker. Wir reden kurz mit ihm und vereinbaren einen Termin.

Eigentlich wollten wir noch bei einem Teil unserer Eltern vorbei fahren. Übernachten können wir bei ihnen nicht mehr. Unsere neue Errungenschaft muss bewacht werden. Mit der Annexion der DDR kommen auch massenhaft kriminelle Elemente. Und die klauen, was ihnen in die Finger fällt. Eine funktionierende Polizei haben wir schon lange nicht mehr. Die Besatzer haben viele Polizisten einfach raus geschmissen aus ihren Ämtern und Stationen. Sobald der Polizist ein Parteibuch der SED hatte, war er fällig. 1933 lässt grüßen. Nur die braunen Hemden fehlen. Die sind jetzt weiß und mit dunkelblauen Wollmänteln behangen. Fast wie, schwarzblau ist die Haselnuss.

Wir fahren bei Herbert vorbei. Geht es ihm wieder besser?

Zu Hause angekommen, werden wir von einem Strich empfangen. Herbert. Er wiegt keine fünfzig Kilo mehr. Wir sind erschüttert. Brigitte lässt uns einen Kaffee durch und fragt, ob wir mit Abendbrot essen möchten. Herbert fragt, wie es mit dem Geschäft steht.

"Alles ist genehmigt. Wir warten jetzt auf den Finanzierungsplan."

"Und die Handwerker? Die haben doch sicher alle Hände voll zu tun."

"Das macht sie nur teurer. Darauf haben sie vierzig Jahre gewartet."

"Und? Können sie wenigstens gleich anfangen?"

"Der Dachdecker kommt aus dem Ort. Der fängt gleich als Erster an. Danach kommt der Klempner und Elektriker. Zuletzt der Leichtbau."

"Und Dir geht nicht die Hose bei dem Umfang?"

"Naja. Sicher bin ich mir nicht ganz. Was soll ich tun?"

"Ihr hättet weg gehen können."

"Wir gehen weg von unseren teilweise kranken Eltern und Großeltern? Sollen wir Euch im Stich lassen?"

"Schlaft Ihr hier?", fragt Mutter.

"Nein. Wir müssen unsere Schulden bewachen."

Wir fahren zurück in unser neues Heim.

Am Morgen kommt der Chef der Sparkasse mit seinen Kollegen. Er hat den Finanzierungsplan mit. Es gibt diverse Hilfsprogramme von Aufbaubanken. Die aktuellen zwölf Prozent Zinsen sollen damit wenigstens halbiert werden. Die Bedingungen sind für uns annehmbar. Wir verstehen nur die Hälfte von dem ganzen geschriebenen Texte. Das ist sicher auch die Absicht dahinter. Zumindest waren wir gewohnt, geschriebene Gesetze zu verstehen. DDR Gesetze waren eindeutig und Verträge auch. Wildwest hält bei uns Einzug. Wir unterschreiben und werden ab jetzt, heuchelnd freundlich gegrüßt. Es gibt dutzende Ratschläge. Keinen davon können wir gebrauchen. Im Lager stehen noch ein paar Schnapsflaschen aus DDR Zeiten. Mangelware ist dabei. Ich biete den Herrschaften zur Feier des Vertragsabschlusses einen Apfelschnaps an. Die Gesichter verraten uns, dass die von der DDR wenig halten. Keiner der Leute verrät mir seinen Namen und Keiner bietet uns das Du an. Alles ist anonym.

Vor der Haustür steht der Dachdecker. Er könnte die Woche anfangen. Über den Preis waren wir uns einig. Wir decken mit Kunstschiefer. Einheimischer Schiefer, der traditionell hier gedeckt wird, wird über Nacht unbezahlbar. Der Preis verzehnfacht sich. Der Dachdecker hat mir davon auch abgeraten. Die Last wäre zu hoch bei unserem großen Bau.

Der Klempner steht auch schon da. Er kommt zusammen mit seiner Frau. Sympathische Leute, die Zwei. Julia geht mit der Kamera ihrem Rolf hinter her. Sie fotografiert und schreibt, während Rolf misst und diktiert. Joana kocht den Zweien inzwischen einen Kaffee. Im Kulturbüro oben, stand noch eine gute DDR Kaffeemaschine. Eine K108 mit Perlonfilter nach dem System der Frau Melitta. Rolf sagt, er wird uns einen Kostenvoranschlag unterbreiten. Wir wollen eine Ölheizung mit Warmwasser einbauen. Bisher wurde in einem Extra Heizkeller, mit Kohle geheizt. Eigentlich wäre das sinnvoller. Das System steht und ist eingerichtet. Leider wurde über Nacht die Kohle zehn Mal teurer. Damit ging nur Öl zu rechnen, bei dem Verbrauch, den wir planten.

Die Planung von dem Projekt haben wir noch einem DDR Ingenieurbetrieb machen lassen. Rolf lobte uns für dieses Projekt und sagte:

"Das Geld hättet Ihr Euch sparen können."

"Wieso?"

"Das macht bei uns der Installateur, also ich."

"So ist das! Bei uns war das Pflicht, eine Baumaßnahme dieser Größe zu planen."

"Planwirtschaft", scherzt Rolf. "Ich finde das gut."

Ob das vom Herzen kommt, können wir nicht beurteilen. Dafür kennen wir uns zu wenig. Die Zwei scheinen ehrlich zu sein. Wir vertrauen ihnen.

Wir reden noch den halben Tag, erzählen, was wir vorhaben und verabreden uns für Übermorgen.

Fortsetzung folgt

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