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Fortsetzung Der Saisonkoch - Sommersaison

Der Saisonkoch - Frühjahr
„Können wir wenigstens noch das Abendessen von Heute servieren?“
„Ja. Sicher.“
Claudia scheint nicht zu kommen. Sie hat das doch nicht etwa im Volksmund erfahren. Der ist bekanntlich schneller als die Gerichtsvollzieher.
„Wir wollten das Hotel restaurieren.“
„Was? Zusätzlich zu der Miete? Das ist doch die Aufgabe des Besitzers.“
„Die wollten das nicht. Wir haben mehrmals hin geschrieben.“
„Also. Die haben euch eine Ruine für das Geld pro Monat vermietet und wollten es nicht restaurieren. Und das, nach dem Beweis von euch, dass dieses Haus gut besucht wird und ihr fähig seid, ein solches Objekt zu führen.“
„So in etwa, kann man das beschreiben.“
„Was habt ihr jetzt vor?“
„Wir bewerben uns um ein neues Objekt. Es gibt reichlich Angebote. Bleib bei uns.“
Und jetzt habe ich den größten Fehler meines Lebens gemacht. Ich habe abgelehnt. Aus Angst und Unkenntnis. Wir haben einfach keinen Ansprechpartner gefunden, der uns sagt, wie man sich hier am besten in dieser Situation verhält. Jedes Land hat andere Gesetze. Joana und ich sind in der Beziehung ziemlich hilflos. Frei nach dem Sprichwort: Hilf dir selbst, sonst hilft dir Keiner, habe ich mich umgehend bei einer neuen Arbeitsstelle beworben. Ich rufe sofort die Betriebe an, die vor drei Tagen noch gesucht haben. Und siehe, es hat sofort funktioniert. Ich sage das Leo und Agnes. Beide freuen sich mit mir. Die geben mir ein paar Hinweise mit auf den Weg. Auch in Beziehung zu Betrieben, bei denen ich mich beworben habe. Leo hat nicht gespart. Beide geben mir ein gutes Handgeld.
„Das ist dein Trinkgeld von unseren Gästen. Wir haben es aufbewahrt“, sagt Agnes.
„Du kannst auch bei den Eltern von Agnes etwas in der Landwirtschaft helfen“, bietet mir Leo an.
Ich muss gestehen, Landwirtschaft habe ich gelernt. Bauer und Gärtner habe ich in der DDR gelernt. In einer Baumschule. Wir haben genau das angebaut, was hier in Südtirol auch angebaut wird. Erdbeeren. Neben den Erdbeeren haben wir natürlich auch Gemüse, verschiedene Bäume und Sträucher angebaut. Warum ich ausgerechnet das abgelehnt habe, bleibt mir ein Rätsel. Ich glaube, ich habe wegen unseres Darlehens abgelehnt. Die Furcht, nicht genug Rücklagen für die Zeit außerhalb der Saison zu haben, lässt mich zweifeln. Dazu kommt, ich traue meinen neuen Gastgebern nicht. Wir sind einfach zu oft belogen worden.
Gleich in der Nähe sucht ein Gasthof einen Koch. Die möchten mit mir zusammen arbeiten. So klingt es am Telefon. Die Stimme am Telefon ist weiblich.
Hier ist es fast wie bei uns Beiden. Joana ist die Einzige in unserer Familie, die von meinen Ansprechpartnern verstanden wird. Ehrlich gesagt, verstehe ich auch kaum meine männlichen Ansprechpartner hier in Südtirol. Offensichtlich hängt unser Geschlecht mehr an der volkstümlichen Aussprache. Frauen hingegen, neigen etwas zum Hochdeutsch. Sie können sich besser anpassen. Die große Politik scheint das zu wissen. Unter Anpassen meinen die, Menschen zu benutzen, die sich einem Diktat leichter zu beugen scheinen. Das scheint auch bei den femininen Männern zu funktionieren.
Wir verabreden uns sofort. Leo freut sich für mich und ruft gleich dort an. Man begrüßt sich freundlich, wie scheint.
Sie erwarten dich. Ich habe ihnen gesagt, was du kannst.“
Was ich kann, ist bei uns hier nicht so wichtig. Wir kaufen alles fertig und schrieben hausgemacht in die Karten.“
Leo muss lachen.
Das Motorrad wird nicht warm bis zu meinem neuen Arbeitsplatz. Es ist ein Gasthof. Feldzauber steht am Eingang. Wenn das kein Zauber ist.
Drinnen werde ich natürlich erwartet. Vom Chefkoch persönlich.
Ich bin krank und möchte mit dem Beruf aufhören“, sagt Konrad zu mir.
Wenn ich ihn mir genau anschaue, hat er Recht. Er sieht wirklich leidend aus. Ein paar junge Kollegen huschen durch die Küche. Südtiroler sind keine dabei. Die Küche ist relativ sauber. Wie scheint, ist der Betrieb gut besucht. An Technik sehe ich eigentlich alles, was sich ein Koch wünschen würde.
Die Küche hast du eingerichtet?“, sag ich zu Konrad.
Frag mich nicht.“
Eine typisch Südtiroler Antwort, die einen zwingt, sich den Rest selbst zusammen zu reimen. Die eigenen Erlebnisse werden wir dann unseren Nachfolgern auch nicht preisgeben. Das ist gelebte Nichteinmischung. Neutralität.
Eigentlich muss er mir nichts sagen. In seinem Gesicht sehe ich fast seine gesamte Laufbahn in diesem Betrieb. Und die kann wirklich nicht lange gedauert haben. Der Kollege wirkt erlöst.
Trotzdem muss ich sagen, was den Einen erlöst, muss nicht das Grab des Anderen sein. Die Organisation der anliegenden Arbeit ist das Geheimnis des Küchenglücks. Damit ist auch gesagt, wie die technische Ausrüstung zu sein hat. Die technische Ausrüstung der Küche muss so beschaffen sein, dass die anliegende Arbeit von einem Koch problemlos, an einem Posten, erledigt werden kann. Wer also Küchen schon für zwei Köche in zwei Posten einrichtet, plant schon mal die falschen Küchen. In diesem Fall dürfen wir eher davon ausgehen, im Verkauf von Technik die Arbeit des Einrichters zu suchen.
Kein Koch hat je gesagt, er könnte seine Aufgabe nicht in der Reihe von zwei oder mehreren Kollegen erledigen. Das nennt sich Küchen- oder Anrichtestraße. Ähnlich einem Fließband. Ein gut organisierter Koch kann schon locker mehrere hundert Essen zubereiten, anrichten und ausgeben. Auch a la carte. Er muss eben nur analysieren, welche Speisen, Handlungen und Produkte die meiste Zeit erfordern. Und dort muss dann angesetzt werden. Es gibt für Alles, technische Möglichkeiten. Und wenn nicht, wird eben improvisiert.
 

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Der Saisonkoch - Frühjahr
Aus Neugierde bin ich nicht in die Zimmerstunde gegangen. Ich spaziere noch über unseren Parkplatz und genieße den Blick ins untere Martelltal. Agnes kommt gerade. Sie fährt mit einem anderen Auto. Nicht mit dem großen Benz. In der Schule, in der sie arbeitet, sähe das sicher nicht gut aus. Und dann der Einkauf. Der hinterlässt bisweilen auch Spuren im Polster des Autos.
„Helfe mir mal bitte beim Ausräumen.“
Fleisch, Gemüse, Salat und Kartoffeln, alles ist dabei.
Bei uns gibt es heute Geselchtes. In Südtirol wird das eigentlich im Herbst gegessen. Für unsere Gäste verwandeln wir das Frühjahr in den Herbst. Von den Temperaturen her passt das. Es ist nicht besonders warm. Bei vielen Neuankünften möchte ich auch gern Sortimente verwenden, die ich problemlos weiter verarbeiten kann. Geselchtes ist, wenn ich es pochiere, Prager Schinken. Und den benötige ich für das Frühstück. Oft spare ich mir sogar das Pochieren. Weil unser Geselchtes sehr oft zu heiß geräuchert wird. Und dann ist es schon Schinken. In dem Fall, muss ich es nur erwärmen oder kalt aufschneiden.
„Ich muss heute zum Doktor“, sagt mir Claudia im Gehen.
„Bist du krank?“
„Nein.“
„Melde dich bitte bei Agnes ab. Sie bezahlt dir deinen Lohn. Kommst du heute Abend?“
„Ich versuche es.“
Das klingt so, als würde ich heute Abend allein da stehen. Claudia hat wahrscheinlich heute einen Ausgang verabredet. Sie hat den halben Vormittag telefoniert.
Der Salat ist aber fertig. Nur nicht auf dem Teller. Wir legen Salatteller. Das kann ich abends schnell nachholen. Wegen der Busse, haben wir uns entschieden, Salate nur noch portioniert zu servieren. Offensichtlich verwechseln unsere Gäste das Salatbuffet mit der Tafel in Deutschland. Salat scheint zur Hauptspeise zu werden. Die Hauptspeise wird neuerdings sogar eingepackt. Unsere Gäste scheinen sich für ihren Umgang mit dem Besteck zu schämen. So, wie unsere Tische nach der Mahlzeit aussehen, beherrscht Keiner mehr das Besteck. Vielleicht sollten wir es mal mit Stäbchen probieren? Oder mit Löffeln.
Leo deckt das aber mit ein.
Leo kommt in die Küche. Sein Gesicht verrät nichts Gutes.
„Wir sind gekündigt worden.“
Mir fällt fast das Weißkraut aus der Hand.
Was ist passiert?“
Wir zahlen hier monatlich rund fünfzehn Tausend Miete.“
Habt ihr nicht bezahlt?“
Doch. Wir zahlen an eine Bank in Österreich.“
Wir bemerken in dem Zusammenhang, Gesetze scheinen nicht zu zählen in diesen Kreisen. Klagen dagegen, sind zu teuer und zeitaufwendig. Nachgeben scheint hier die Lösung zu sein. Offensichtlich streiten sich hier mehrere Parteien. Ein Ausweg scheint nur im Verfall des Anwesens zu bestehen. Das ist wahrer Umweltschutz.
Die Zwei möchten mich bei ihrer Suche nach einem neuen Objekt gern mit nehmen. Einen solchen Lohnausfall kann ich leider nicht verkraften. Wir müssen jeden Monat einen Tausender drücken. Und der kommt nicht vom Himmel gefallen. Die Zwei versprechen mir, sich um mich zu kümmern. Die Frage ist ernst für meine Familie. Auch, wenn wir nur Zwei sind. Wir leben unter gewissen Einschränkungen, die wir meiner defensiven Haltung gegenüber Ämtern zu verdanken haben. Ich möchte als Migrant nicht permanent vor irgendeinem Amt die Innenseite meiner Unterhose zeigen. Wir sind das einfach nicht gewohnt. Zum Glück können wir wenigstens mit Geld umgehen.

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Der Saisonkoch - Frühjahr
Die vier Hoteliers fragen, ob wir ihnen Etwas zu Mittag kochen können. Der Blick in den Topf verrät uns, es geht. Aber die Portionen wären ziemlich klein. Einen Nachschlag zu servieren, wäre unmöglich.
„Legen wir Denen eine Vorspeise?“
„Am besten, wir bieten ihnen ein Speckbrettl.“
„Das werden sie schon annehmen. Ich frage sie.“
„Die Herrschaften wollen Speck“, singt Leo. Er wirkt irgendwie begeistert. Ich lege die Brettl klassisch. Mit Gurke und sauren Zwiebeln. Die sauren Zwiebeln habe ich morgens mit hergestellt. Für das Menü. Bei weniger Gästen habe ich mehr Zeit, unseren Gästen einige Extras herzustellen. Meist stelle ich verschiedene Gemüse - acrodolce her. Sprich, süss – sauer. Die Nachfrage ist bei unseren Gästen enorm. Vor allem gehen Champignons, Zucchini und Peperoni gut ab in dieser Variante. Ich scheine bei der Würzung a la Saxonia ein glückliches Händchen zu haben.
Nach dem Essen, kurz vor meiner Mittagspause, wollen die Herren den Koch sehen. Schon nach den ersten Worten scherzen sie über meine Herkunft. Etwas geheucheltes Beileid ist dabei. Mich erinnert der Auftritt an diverse Filme mit Butlern. Ich stehe stramm neben dem Tisch und die Herren wollen mich sitzend vorführen.
„Die Speckscheiben sind ziemlich klein. Fast wie am Saisonende.“
„Unsere Schweine wachsen leider nicht quadratisch.“
„Das Essen war gut. Wir könnten einen Koch gebrauchen in der Wintersaison.“
„Wie weit müsste ich denn fahren?“
„Das ist unterschiedlich. Sie hätten die Wahl zwischen Stubaital, Matrei und Steinach.“
„Das ist ja im Wipptal. Gebührenpflichtig. Würden sie die Maut, den Sprit und die Autobahn zahlen?“
„Sicher.“
„Auch bei täglicher Benutzung?“
„Man kauft sich ein Jahresticket dafür. Natürlich.“
Das Angebot ist verlockend. Zumal in Österreich der Tank für zwanzig Cent pro Liter, preiswerter zu füllen geht.
„Wenn sie mir ihre Hotels verraten, können wir bei passender Zeit darüber reden.“
Im Nu setzt ein Hagel von Visitenkarten ein. Ich fühle mich geehrt.
„Willst du noch Etwas trinken?“
„Höchstens einen Kaffee.“
„Saufen tut der auch nicht“, sagt Einer von ihnen. Sie lachen. Leo steht am Tisch und lacht mit.
„Du machst wohl Geschäfte bei mir? Das kostet Prozente.“
Ich komme mir vor wie ein antikes Möbelstück, um das gerade geschachert wird. Die Herren bleiben sitzen. Ich bin müde.
Auf dem Weg ins Zimmer fallen mir drei Herren auf, die an unserer improvisierten Rezeption stehen.
„Ist der Chef da?“, fragen die mich.
„Ja. Er kommt sicher gleich wieder.“
Mit dem Hinweis, kommt Leo zurück. Alle gehen zusammen ins Büro und der Letzte schließt die Tür. Ich kann nicht hören, was da läuft. Trotzdem wollte ich gern wissen, was da gespielt wird. Ich gehe an unseren Eingang, um zusehen, wer das ist. Sicher eine Baufirma. Leo redet die ganze Zeit von Bau und Reparatur. Die Nummernschilder sind aber aus Österreich. Will Leo etwa mit einer Österreichischen Firma bauen? Das kann ich nicht verstehen. Zumal wir gute Firmen in unmittelbarer Nähe haben. Ich denke, sie sind gut. Unsere Hoteliers sind ziemlich oft anderer Ansicht. Persönlich habe ich sehr oft Streit zwischen Baufirmen und Hoteliers miterlebt. So ganz grundlos kann also der Blick in die Nachbarschaft nicht sein. Die Tiroler Hotels sind schon auch solche Prachtstücke wie unsere. Sie sind nur mitunter etwas herunter gekommen. Der Grund ist sicher in der unterschiedlichen Belastung der Hoteliers zu suchen. Ich meine jetzt nicht die Belastung durch Gäste. Eher, die durch Kreditinstitute und Landesämter. Gastronomen sind immerhin deren Sklaven. Mir ist keine Steuer und erfundene Abgabe bekannt, die nicht den Gastronomen abverlangt wird. Dagegen sind Friseure, Könige. Leider gibt es von beiden Berufen zu viel.
Unsere Diktatoren nennen das Dienstleistungsgesellschaft. Dabei sind sie eigentlich die Diener des Volkes. So einfach schiebt man Verantwortung in eine andere Schublade. Mit dummer Unverfrorenheit und einem lockeren Maul. Neuerdings tritt dieses Phänomen auch mit Reizwäsche an. Die Preise sind entsprechend dem Strich angepasst. Schließlich will die Schickse am Garda ihren Lover ausführen, während der Alte die aufgedrängte Brut in den Kindergarten karrt. Der Alte gibt die Aufgabe an ein Polnisches Kindermädchen ohne Unterwäsche weiter. Das sind Kosten, die wir gern mit zu bezahlen haben. Hoffentlich hat der sich rechtzeitig sterilisieren lassen. Sonst geht es ihm wie Boris Becker.
 

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Der Saisonkoch - Frühjahr

Ein Bus reist nach dem Frühstück ab. Deren nächster Halt ist im Unterland. Sechs Hausgäste verlassen uns auch. Leo sagt, wir bekommen heute zehn Anreisen. Die Zufallstouristen, die ohne Vorbestellung anreisen, bezeichnet Leo als Straße. So steht es in der Liste. Leo lässt die Stelle in der Meldung nicht frei. Er druckt immer ein Fragezeichen dahin, sagt er.

Das Telefon klingelt. Mit dem Gespräch, das zweifellos eine Bestellung ist, zeichnet er nebenbei vier Anreisen hinter das Fragezeichen. Österreicher, wie ich es vernehme.

„Das sind Kollegen aus der Innsbrucker Gegend. Sie feiern bei uns etwas ihren Saisonabschluss.“

„Gastronomen?“

„Ja.“

„Wenn wir morgen Agnes zum Einkaufen schicken, wäre es gut, das Menü erst dann zu schreiben, wenn die Ware da ist.“

„Das finde ich gut.“

„Wir haben dadurch die Möglichkeit, echte Sonderangebote zu verarbeiten.“

„Das ist besser als wenn wir unsere Lebensmittel suchen müssen.“

„Wir kochen aus allen Lebensmitteln, die uns zur Verfügung stehen, ein Menü.“

„Wunderbar!“

Claudia kommt. Ich schicke sie gleich zum Salat. Gelegentlich kontrolliere ich ihre Arbeit. Beim Probieren fällt mir auf, sie kann gut abschmecken. Und das in dem Alter.

„Kochst du zu Hause?“

„Nein.“

„Aber du hilfst der Mutter.“

„Mutter kocht nicht. Das macht die Oma.“

Die Einteilung finde ich gut. So werden wenigstens die Älteren der Familie in wirklich nützlicher Bewegung gehalten. Das ist typisch für bäuerliche Haushalte. Wir kennen das von zu Hause.

Zum Mittag essen stellen sich die Familienmitglieder vor. Sie arbeiten in der Apfelplantage. Und nicht nur das. Sie bauen auch ihr eigenes Gemüse an. Ein Probe soll ich gleich mit kochen. Grüner Spargel aus dem Vinschgau. Selbstverständlich baut die Familie das für den Eigenverzehr an. In großen Mengen wäre das wahrscheinlich unwirtschaftlich für sie. Die Mutter von Agnes stellt sich mit Hanna vor und der Vater mit Georg. Beide wirken sehr frisch und gesund. Agnes sieht dem Vater sehr ähnlich. Unsere zwei Zimmermädchen, die beide nicht aus Südtirol sind, halten sich etwas zurück. Bei denen brauche ich noch etwas, um ihre Namen zu erfahren. Vom Aussehen her, wirken sie wie Slawen. Ihre Mentalität erinnert mich an Jugoslawen. Sie lachen etwas seltener, dafür aber sehr herzlich.

Unser Mittag besteht heute aus Pasta. Bei der Gelegenheit fällt mir ein, Leo darauf aufmerksam zu machen, den Einkauf für einen Tag im Voraus zu organisieren. Wir können so zum Frühstück unser Menü bekannt geben. Auch das Personalessen ist dann mehr auf Frische organisiert. Allgemein essen wir die Reste vom Vortag. Mit der Bekanntgabe der genauen Zahl unserer Gäste, bleiben natürlich weniger Reste übrig.

Reste ist jetzt gut gesagt und trotzdem schlecht beschrieben. Wir kochen unser Essen ja in zwei Stufen. Bis zu einer Ausgabe ist das Essen vorgekocht. Das ist etwa vergleichbar mit Gefrierkost aus dem Supermarkt. Die wird auch vorgekocht und danach eingefroren. Auch andere Konserven werden mit diesem Prinzip hergestellt. Der Vorteil unserer Herstellung ist, wir wissen, was drinnen ist und auf dem Teller liegt. Nach der neuen Gesetzgebung ist das auch wichtig. Weil wir für unser Produkt haften. Auch für das Produkt, das wir verarbeiten. Bequemlichkeit kann also heute, ziemlich gefährlich sein. So landet die Haftung für Produkte der Großindustrie einfach bei einem Koch. Und welcher Koch haftet schon gern für gewissenlose, Gewinn orientierte Panscher? Und genau dieser Umstand zwingt uns zur Optimierung unserer Verarbeitung. Also, konservieren wir unsere Produkte für ein paar Stunden, selbst. Vorgekochte Produkte sind Zwischenprodukte, die in einem letzten Verarbeitungsgang, fertig gestellt werden. So einfach kann frische Küche sein.

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Der Saisonkoch - Frühjahr
Der Wecker Joanas klingelt wie immer gegen Vier Uhr. Nur Bäcker stehen um diese Zeit auf. Joana möchte zur Arbeit ausgeschlafen sein. Halb Sechs fährt sie los. Bis dahin haben wir ein paar Minuten. Wir können zusammen Kaffee trinken und uns über den Vortag unterhalten. Ich hätte fast Lust, um ihre Zeit auch auf Arbeit zu fahren. Wegen dem Verkehr. Der ist um diese Zeit ziemlich ruhig. Lastwagen begegnen uns um diese Zeit wenig. Und wenn, ist immer noch genug Raum, die zu überholen.
Wir brechen zusammen auf. Im Hotel kann ich mich immer noch etwas hinlegen. Ich packe mir einen Laptop ein. Wenn ich keine Ruhe finde, kann ich mir einen langweiligen Film anschauen. Von denen gibt es genug auf meinem Speicher. Gute Einschlaffilme. Man könnte den Regisseuren äußerst dankbar sein, auch an die Pausen der Saisonarbeiter gedacht zu haben.
Wie üblich zu der Zeit, begegnen mir Bäcker und Frühstückskräfte der Hotels. Deren Lichtkegel verschaffen mir auch an unübersichtlichen Stellen genug Überblick. Ich komme recht zügig im Almer an. Agnes ist schon in der Küche. Allein. Leo deckt die Tische für das Frühstück. Die Zwei sind noch richtige Unternehmer.
Bei der Gelegenheit vereinbaren wir meine Vorbereitungen für das Frühstück. In Zukunft wird Agnes damit gewaltig entlastet. Ich schneide und lege ihr die Frühstücksteller. Leo hat einen schönen Carrello, in den ich die fertigen Teller einhängen kann.
Der stammt wahrscheinlich noch aus den besseren Zeiten des Hotels. Die Räder quietschen etwas. Leo schämt sich dafür. Er nimmt ein Ölspray und beseitigt das Geräusch.
Nach der Frühstücksvorbereitung bricht Agnes auf.
Ich muss in die Schule.“
Wo ist die?“
In Eppan.“
Das ist ja gleich um die Ecke.“
Wir lachen zusammen.
Einen Vorteil hat der lange Weg. Agnes kann unterwegs die günstigsten Angebote einkaufen. Sie kommt an reichlich Genossenschaften vorbei, die uns heimisches Obst und Gemüse anbieten. Sämtliche Metzger und Händler Südtirols befinden sich auf ihrem Arbeitsweg. Sie muss eigentlich nur wissen, welche Menüs ich kochen möchte.
Natürlich gibt es auch im Ort reichlich Anbieter von Gemüse. Auch gleich in der Nachbarschaft. Dort wachsen wenigstens die frischen Kräuter in Hülle und Fülle. Für unser Obstangebot sorgt auch der Vater von Agnes. Er ist Apfelbauer und hat auch ein paar andere Bäume im Garten stehen. Neben reichlich Kirschen und Birnen, entdecke ich Zwetschgen. Ich meine nicht die Pflaumen, die im Westen als Zwetschge bezeichnet werden. Ich meine die wilden runden, gelben, grünen oder weinroten – kirschähnlichen Zwetschgen. Die Quetsche, wie sie bisweilen an deutschen Tischen genannt wird. Köche lieben irgendwie den feinen Unterschied. Der da, ist aber in meinen Augen schon gewaltig. Warum die Zwetschge ausgerechnet in Österreich, wo jedes kleine Stück Fleisch einen eigenen Namen bekommt, so verallgemeinert wird, bleibt mir ein Rätsel. Meine bisherigen Österreichischen Kollegen waren am Feierabend selten ansprechbar zu diesem Thema. Sie waren alle schon vor dem Feierabend strotz besoffen.
Wie die meisten ihrer Chefs. Die haben sich aber immer gut verstanden untereinander. Diese Art Verhältnis hat sich bisweilen auch bei uns in Südtirol eingebürgert. Für uns Saisonarbeiter ist dieser Zustand nicht besonders glücklich. Wenn wir einen Arbeitsunfall oder Streit haben, verfügen wir über zu wenig Zeugen. Wobei, erpresste und um ihre Arbeit fürchtende Mitarbeiter, Alkoholikern durchaus ebenbürtig sind. Das offene Tor für Meineid und Widerspruch.
In der aktuellen Situation habe ich das nicht zu befürchten. Die Zwei sind fleißig und recht ehrlich. Gute Chefs und Kollegen.
Meine zwei Chefs teilen sich etwas in die Arbeit. Agnes verabschiedet sich abends etwas zeitiger, während Leo bis zum letzten Gast durchhält. Leo trinkt nicht. Und das finde ich wirklich gut in unserer Branche.