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Leseprobe Die Saisonpause

Kaum sind wir im Haus, umweht meine Nase der mir bekannte Geruch. "Den habe ich vermißt", stöhne ich. In einem Bauerngut gibt es normal zwei Küchen. Eine für die Tiere und eine für die Bauern. Fast wie beim Militär, bei dem Offiziere vom Fußvolk getrennt beköstigt werden. Einen Unterschied stelle ich trotzdem fest. Die Beköstigung der Ernährer der Familie, der Tiere, ist aufwendiger. Respekt nennt sich das bei den Bauern. Stummer Respekt. Bauern betonen das nicht täglich hinter einer falschen Mine.

Herta wohnt nicht allein im Bauerngut der Familie. Der Sohn, Detlef - mein Cousin, seine Frau und sein Kind sind auch da. Sie kommen etwas zögernd nach Unten, uns zu begrüßen. Wir grüßen uns. Detlef kenne ich noch aus meiner frühen Kindheit. Er ist ein paar Jahre jünger als ich. Er führt Joana, Udo und mich gleich über den Hof, während Herta und Mutter in der Küche zusammen sind. Ein paar Tiere sind noch da. "Zur Eigenversorgung", sagt Detlef. "Das Andere hat keinen Sinn mehr." Junge Schweinchen sind da. Ich würde gleich eins mitnehmen.

Nachdem ich das Detlef gesagt habe, zeigt er in seine Kammer. "Im Gewölbe hängt eins. Die Mutter hat das Kleine zu sehr gedrückt. Das Bein war dabei gebrochen."

Bei Herta und Detlef haben wir zu gern Blutwurst und Leberwurst gegessen. Einzigartig. Der alte Fleischer, der das hausgeschlachtet hat, ist leider verstorben. Der junge Nachfolger bringt es fast auf sein Rezept. "Das hat der Alte mit ins Grab genommen", hat er zu Detlef gesagt. Offensichtlich hat er nicht mit so einem zeitigen Ende gerechnet.

Etwas Tabak baut Detlef noch an. Für den Eigenbedarf. Detlef raucht sehr Wenig. Wie sein Vater. Wir drehen uns später eine Zigarette von seinem Tabak. An der Qualität hat sich nichts geändert. Irgendwie wächst auf diesem Boden ein erstklassischer Tabak.

In der Garage stehen jetzt zwei andere Autos, Westautos. Der schöne blaue Trabant Kombi ist noch da. "Zur Reserve", sagt er zu mir.

"Hast Du kein Vertrauen in die neue Technik?"

"Wenig. Den Traktor mußten wir gleich zurück geben."

"Ich sehe schon. Der alte steht noch hier."

"Der ist der beste."

"Aber nicht ganz so bequem."

Detlef hat Hühner, Schweine, einen Ochsen, ein Kälbchen und eine Kuh. Zwei Schafe kümmern sich um den Rasenschnitt. Die haben ein Lämmchen. Der Garten vorm Haus wird noch von Herta betreut. Oma hat das genau so gemacht. Im hinteren Hof schnattern vier Gänse. "Die haben Junge", sagt Detlef. "Geht nicht zu nah ran." Kaum sehen mich die Gänse, rennen sie auf mich zu. Detlef zischt irgendeinen Laut und schon bleiben sie stehen.

Wir gehen in die Küche. Detlef holt seine Tabakpresse. Geerbt von seinem Vater. Mit einer kleinen Maschine, ähnlich einer Nudelmaschine, schneidet er den in dünne Streifen. Wir rollen uns den verdienten Joint. Detlef lacht, als ich Joint dazu sage. "Orienttabak", antwortet er.

"Die Tradition lebt", sage ich zu ihm.

Leseprobe Die Saisonpause

Die Fahrt durch das junge Grün in Ostsachsen ist ein wirkliches Erlebnis. Weiden und kleine Seen, so weit das Auge reicht. Das Land ist flach und etwas sandig. Linden, Buchen und Kiefern bestimmen die Landschaft. Gelegentlich erkennen wir ein paar Kastanienbäume. Auch schöne, alte, ziemlich gerade gewachsene Eichen sind dabei. Die Dörfer wirken aufgeräumt und sauber. Das ist eine sehr schöne Hinterlassenschaft der DDR. Wir haben den Eindruck, das genossenschaftliche Erbe wird weiter gelebt. Das ist sicher nicht leicht bei den Besatzern. Denen sind Einzelbauern lieber. Die kann man eben maßlos erpressen und enteignen.

Wir kommen in Thiendorf an. Der Ort sieht aus wie neu gebaut. Wir waren Fünfundzwanzig Jahre nicht mehr hier. Überall stehen neue Hallen und Gewerbezentren. Die Bauernfamilien sind billige Arbeitskräfte. Die produzieren ihren Eigenbedarf an Lebensmitteln selbst.

Das zieht schon die alten, nach dem Krieg verurteilten Kriegsverbrecherfamilien an. Wir entdecken recht bekannte Namen. Natürlich gebe ich meine Kommentare dazu im Auto. Schließlich lebt unsere Familie da wegen dieser Familien. Wir sind praktisch die dritte Generation, die wegen dieser Familien das Land wechseln muss. Wir schämen uns für diese Verbrecher und dafür, dass ausgerechnet die, sich Deutsche nennen.

Im Ort von Herta angekommen, fällt unser erster Blick auf die Gastwirtschaft des Ortes. Geschlossen, leuchtet uns entgegen. Bei der Weiterfahrt sehen wir die ehemalige Schule. Die wurde zu einem Gemeindezentrum umgebaut. Was immer das bedeutet. Am ehemals kleinen Friedhof halten wir an und suchen das Grab unserer Oma. Neben ihr liegt unser Onkel. Der Bruder von unserem Vater und Ehemann von Herta. Die Gräber sind gut gepflegt. Herta scheint hier öfter vorbei zu schauen. Der Friedhof ist etwas gewachsen. Wir sehen reichlich Gräber von ziemlich jungen Menschen. Zwischen den einzelnen Weiden und Feldern stehen kleinere Wälder. Die gehören den Bauern seit der Bodenreform. Der Ort scheint ruhig und friedlich. Mutter bekommt feuchte Augen. Mich wundert das etwas. Mutter liebt das ländliche Leben eigentlich nicht, wie das von Vaters Familie gelebt wird. Irgendwie gibt es Spannungen zwischen ihr und Vaters Familie. Mutter hat uns das nie verraten, was der Grund dafür wäre. Eigentlich ist das ihre Sache. Ich habe mich bei Herta und ihrer Familie immer sehr wohl gefühlt. Wahrscheinlich hat deren Erziehung auf mich gewirkt. Die Kinder von Bauern bekommen eine ganz andere Freiheit zu spüren als städtisch aufgewachsene.

Bei der Anfahrt mit unserem Auto bemerke ich schon zweihundert Meter vor dem Gut, wie sich die Gardine zur Seite bewegt. Herta ist wie Oma. Aus dem Fenster kann sie die gesamte Straße einsehen. Irgendwie scheint ihr das die Zeit zu geben, die ersten Töpfe auf den Herd zu stellen. Kein Bauer empfängt seine familiären Gäste mit leeren Töpfen. Im Nu wäre das ein Ortsgespräch. Herta ist nicht die Einzige, die unsere Anfahrt durch das Fenster beobachtet. Wir werden ganz sicher, nach dem Betreten der Küche, von zahlreichen Nachbarn besucht.

Ich kann mit dem Auto bis an das Grundstück fahren. Das Tor ist noch geschlossen. Herta kommt gelaufen. Sie schaut, wer denn nun in dem Auto sitzt. Als sie uns erkennt, wirft sie die Hände über den Kopf. Ihre Laute sind jetzt mit einer Sirene vergleichbar. Der Dresdner Dialekt, der Gesang in ihrer Stimme, hat uns wirklich gefehlt.

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"Laß uns nach Moritzburg fahren", sagt sie. Udo ist sofort einverstanden. Joana auch. Uns ist es hier zu hektisch und viel zu teuer.

"Wie wäre es, wenn wir bei Herta vorbei fahren?", frage ich in die Runde. Vater kam von dort. Herta ist wie Mutter und ihre Schwester, die einzige Überlebende unserer Elterngeneration. Alle Anderen sind bereits gestorben. Sehr zeitig. Keiner wurde Fünfundsechzig von den Vätern. Selbst Joanas Mutter starb weit vor ihrem siebzigsten Geburtstag. Wir fragen uns oft, wie lange wir sie in der DDR gehabt hätten. Sicher wesentlich länger.

"Wir schauen erst in Moritzburg vorbei", sagt Udo. Er hat meine Frauen überstimmt und wir ziehen in Richtung Moritzburg. Von Moritzburg zu Herta ist es nicht weit. Das kann ich akzeptieren. Udo scheint sich gut auszukennen in der Gegend. Immerhin haben wir dort einen Teil unserer Kindheit erlebt. Auf dem Bauerngut, bei deren Rhythmus. Und der ist ganz sicher wesentlich angenehmer als der Küchenrhythmus in fremden Betrieben.

Gegen Mittag kommen wir an der Moritzburg an. Zu dieser Zeit ist der Ort voller Busse. Die Insassen streifen durch den Ort wie Hammelherden. Sie werden getrieben. Vor jeder Herde läuft ein ziemlich lautes Subjekt, welches gefühllos, angebliche Geschichte in die Massen bellt. Die Brocken, die wir aufschnappen, lassen mich an deren Kenntnissen zweifeln. Offensichtlich wird jetzt an Geschichtsunterricht gespart. Die Hälfte jeder Herde scheint interessiert zu zuhören. Gelegentlich bricht Einer aus, wenn er eine Toilette oder ein Gasthaus mit dieser sieht.

An der Begehung des Schlosses haben wie eigentlich kein Interesse. Wir genießen den Anblick, den Park und die herrliche Umgebung. Wir sind uns soweit sicher, damit die Augen und den Geist zu belohnen. Wir suchen Ruhe und Schönheit nach unserer harten Saison. Die Suche nach Schönheit ist uns bisher gelungen. Die, für unser Ohr lästigen Laute aus westdeutschen Kehlen, teilweise extra laut daher gebellt, verfolgen uns von der Skipiste in den Urlaub. Mutter dreht fast durch. Udo läuft kopfschüttelnd neben uns her. Wir wollten uns etwas unterhalten bei dem Spaziergang. Unmöglich. Ich möchte fast schon in die Herde schreien, sie sollten endlich mal das Maul halten. Joana zupft mich am Ärmel. Sie spürt, wie es in mir gärt. Wie kann sich ein Volk so dominant, dumm und aufdringlich benehmen? Mutter läßt sich jetzt leicht überzeugen, bei unserer Herta vorbei zu fahren. Essen möchten wir nicht in dieser Gesellschaft. Mir würde selbst der feinste Rehbraten aus dem Gesicht fallen. Wir fahren also nicht nach Meißen, sondern zu unserer Familie. Das erscheint mir auch etwas wichtiger als der Anblick herunter gekommener Steine.

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Berichten zu Folge, sind die alle privatisiert. Unser Geld und unsere Arbeit, gestohlen. Die eigentlichen Besitzer dieser Wohnungen sollen die nun kaufen. Am besten, auf Kredit, doppelt bezahlt. Genau so sehen wir die Gesichter der wenigen Menschen, die wir treffen. Kein Lächeln. Keine Freude. Bei diesem Anblick, wünschen wir uns, dort nicht hin gefahren zu sein. Schade um die Zeit. Welche Reaktionen kann ich von Menschen erwarten, die jetzt, statt ein Zehntel ihres Einkommens, das gesamte Einkommen für die Miete ihres Eigentums aufbringen sollen. Dieser Urlaub sollte unserer Erholung dienen. Statt dessen, befinden wir uns mitten im Ghetto. Jetzt wissen wir, warum die Neubausiedlungen in kapitalistischen Ländern, Ghettos genannt werden. Das sind die neuen Konzentrationslager für benachteiligte Menschen. Damit soll ihnen auch noch die Sozialhilfe komplett abgenommen werden. Die Sozialhilfe gilt also nicht den betroffenen Menschen, sondern den Verwaltern der Konzentrationslager. Wir lernen schnell.

Im Restaurant sitzen wir an einer Tafel. Unsere griechischen Gastgeber haben sie mit viel Liebe her gerichtet. Fast die gesamte griechische Familie erwartet uns am Eingang. Sie helfen uns aus der Garderobe.

Der Abend ist schnell vorbei. Wir verabreden uns zu einer Ausfahrt nach Dresden und Meißen. Eigentlich wollten wir eine Flasche Wein mitnehmen. Aber in unserem neuen Bekanntenkreis herrscht eher die Vorliebe nach Landwein. Diesen Leuten fehlt irgendwie die Einbildung, ein teures Gesöff in der Hand halten zu müssen.

Am Morgen kocht uns Mutter einen Liter Kaffee. Wir setzen uns etwas in den Gastraum und sprechen von den aktuellen Ereignissen im Ort und in unserem Bekanntenkreis. Weit über die Hälfte der Leute, die wir kennen, sind inzwischen verstorben oder haben sich das Leben genommen. Die jüngeren Bekannten sind entweder ausgewandert oder umgezogen. Der Ort hat sich in ein Altenheim verwandelt. Wir gehen kurz über den Friedhof, der direkt an unser Grundstück grenzt. Die Kirche leuchtet in neuer Farbenpracht. Die Gräber wirken oft verlassen und verödet. Bei dem Anblick entschließen wir uns, nach unserem Ableben in keinem Grab, Platz nehmen zu wollen. Das beste Grab ist wohl eher der Kopf unserer noch lebenden Angehörigen. Sofern wir uns recht gut benommen haben im Leben, werden wir nicht zu schnell aus ihren Köpfen verschwinden.

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Kurz danach dürfen wir schon die gesegnete

Reisefreiheit genießen. An den Brücken über der Autobahn steht wieder der IGL. Zuerst fällt diesen Leuten ein, jegliches Lager in ein Einkaufszentrum zu verwandeln. Und danach, verschieben sie die Lager, umweltschonend, auf die Straße. Dann erklären sie den Autofahrer zum Feind der Umwelt. Wohl wissend, dass sie die Feinde der Umwelt sind. Wir passieren zwei Streifen. In der Nacht. Die Gendarmen unserer Österreichischen Nachbarn sind recht fleißig. Die Geschwindigkeit des Verkehrs bewegt sich an der äußersten Grenze des Erlaubten. Einhundert und Zehn Stundenkilometer. Wir schauen dem Tod direkt in die Augen. Ein Kilometer schneller und es blitzt an allen Ecken. Bei der Geschwindigkeit wird der Fahrer eher vom Schlaf überrascht als vom Verkehr.

Kaum sind wir an Kufstein vorbei, verwandelt sich die Autobahn in eine Rennstrecke. Jeder Fahrer möchte dem anderen beweisen, was er sich für ein PS-Monster zugelegt hat. Türgriff an Türgriff geht es im Doppel an die Grenze des Machbaren. Normal Fahrende werden zur Gefahr erklärt und Vorsichtige, zu Idioten. Kurz nach der Wende haben wir uns von diesem Theater anstecken lassen. Aber nur kurz. Dann hat das Gehirn gewonnen. Oder soll ich sagen, die leere Brieftasche? Selbst in der Nacht ist um München die Hölle los. Dort herrscht ein Lastverkehr, der jeglichen Umweltgedanken in einen Witz verwandelt. Auf der dreispurigen Autobahn sind zwei Spuren komplett mit Lastwagen gefüllt. Wir befinden uns nicht selten zwischen diesen Geschossen. Deren Fahrstil überzeugt mich von ihrer Übermüdung. Joana verkrampft sich teilweise. Neben ihr drehen sich Riesenräder, die unentwegt Streugut an unser Auto schudern. Ab Nürnberg wird es etwas ruhiger. Wir wollten um diese Zeit nicht über Regensburg fahren. Diese Autobahn wirkt auf uns etwas dunkel. Mit einer Panne möchten wir auf dieser Strecke nicht festsitzen.

Im Frankenwald glauben wir fast, uns noch im festen Winter zu befinden. Alles ist weiß; die Straßen sind glatt und gefährlich. Streudienst scheint es hier keinen zu geben. Bei einer Bremsprobe schnattert das ABS. Unser Auto fängt an zu tanzen und Joana quiekt schon neben mir. Wir nehmen uns vor, kurz zu halten und einen Kaffee zu trinken. Die Parkplätze sind dunkel. Mit Aufblendlicht stellen wir fest, die Plätze sind auch überfüllt. Für uns gibt es keinen Platz. Wo legen wir eine Pause ein? Ich fahre bis zur Ausfahrt des Parkplatzes und dort rasten wir kurz am Seitenrand. Joana sucht einen Sender im Radio. Der Kaffee tut gut. Ich möchte fünf oder zehn Minuten ruhen. Mir zieht es unweigerlich die Augen zu.

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