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Leseprobe Der Saisonkoch-Erster Monat

Der Saisonkoch Erster Monat

Den Reschenpass runter ist ziemlich viel Verkehr. Die Leute fahren recht zügig und ich kann wegen meiner Verletzung nicht mit halten. Ich bin fast schon froh, hinter einem Lastwagen fahren zu dürfen. Der fährt die Geschwindigkeit, die ich mit meiner Behinderung gerade so schaffe. Auf der Straße abwärts im Reschenpass liegt schon noch reichlich Schnee- und Eisfirn, der die einhändige Beherrschung des Fahrzeuges wesentlich einschränkt. Ich muss den Scheibenwischer mit einschalten, weil hinter dem Lastwagen ein reines Schneetreiben herrscht. Trotzdem erkenne ich einen gewaltigen Vorteil. Mir kommt Keiner entgegen, der die Kurve schneidet. Der Südtiroler Lastwagen hat eine Scheinwerferanlage, die vorsätzliche Kurvenschneider rechtzeitig warnt. Die Reschenauffahrt hat reichlich Linkskurven mit dem Blick nach Unten ins Graubündner Land. Das veranlasst einige geschwindigkeitsverliebte Touristen, die Kurve zu schneiden, als wäre es eine Gerade wie auf einer Autobahn. Die Reschenauffahrt ist auf österreichischer Seite in den Fels gearbeitet. Das heißt, bergabwärts, rechtsseitig, ist ständig mit Eis- und Steinabwürfen zu rechnen. Dort haben wir uns schon zwei Mal das Auto schwer beschädigt bei Ausweichmanövern vor gewissenlosem Gegenverkehr. Ab Prutz fühle ich mich etwas wohler. Der Schneefirn wird jetzt von Salzwasser ersetzt. Ich nehme mehr Abstand hinter dem Lastwagen. In den Alpen muss leider sehr viel Salz verstreut werden. Im Gegenverkehr stehen schon wieder sämtliche Fahrzeuge. Die Westdeutschen stehen wahrscheinlich zu den Feiertagen, am liebsten in irgendwelchen Staus herum. Anders kann ich mir deren Geltungssucht nicht erklären. An der Abfahrt zu Serfaus gibt es schon wieder einen Unfall. Fünf Autos stecken ineinander und deren Gepäck liegt auf der Straße verteilt. Das nennt sich jetzt heilige Weihnacht. Die Familienangehörigen stehen am Straßenrand und heulen. Der Rest der Autoschlange heuchelt ein Mitgefühl und photographiert das Geschehen auch noch. Einer der Insassen wird gerade in einen Krankenwagen verladen. Der sieht nicht gut aus. Was haben die gemacht? Alles steht und die haben einen Unfall, der eigentlich nur bei ziemlich hohen Geschwindigkeiten möglich ist. Einen Kilometer vorm Landecker Tunnel beginnt der Verkehr auch in diese Richtung zu stauen. Der heimische Werksverkehr kommt mit dem Touristenverkehr zusammen. Fehlt nur noch, dass es im Tunnel kracht. Im Tunnel ist es stickig und etwas nebelig. Die Ventilatoren schaffen es nicht, den Mulm raus zu blasen. An meinem Fahrzeug laufen die Scheiben an. Ich muss meine Seitenfenster weit öffnen. Die Fahrt durch den Tunnel dauerte fast eine Stunde und damit komme ich zu spät zum Doktor. 
   Der Doktor wartet schon auf mich. „Du bist im Stau hängen geblieben.“ ‚Er duzt mich‘, denke ich mir. „ Ich bin knapp zwei Stunden gefahren von Nauders bis hier.“
„Zwei Stunden; ein Casino! Wir schauen uns jetzt mal den Schnitt an. Setz Dich mal ruhig hin.“ Er fummelt an meinem Verband rum. Der lässt sich so nicht mehr einfach öffnen. Er schneidet ihn ab. Ich traue mir einen Blick auf den geklammerten Schnitt. Das sieht nicht gut aus. Irgendwie, falsch verwachsen. An der einen Seite sehe ich den blanken Knochen. Mein Fingerknochen sieht fast aus wie ein Hähnchenknochen von einer Keule nach dem Auslösen. „Bist Du Raucher?“, fragt mich der Dok.
„Ja.“
„Bei Euch Rauchern heilt alles zu schnell. Wir müssen das noch mal ändern. Schwester; mach mal eine Betäubung fertig.“
Der Doktor gibt mir zwei, drei, vier Stiche in die nähere Umgebung des Schnittes. „Setzt Dich mal paar Minuten ins Wartezimmer.“
„Kann ich einen Kaffee trinken?“
„ Draußen ist ein Automat.“
Ich zieh mir einen Cappuccino und muss gestehen, der Automatenkaffee schmeckt. Den nehme ich ungesüßt aus dem Automaten. In Automaten wird mit Isoglukose gesüßt.

Kleiner Hinweis

Heute hat unser Dominik aus dem Ultental, die Abfahrt von Bormio gewonnen. Irgendwie verbindet uns Etwas. Erstens, weil sein Bruder leidenschaftlicher Motorradfahrer war und tödlich verunglückte und Zweitens, weil ich für einen Seniorenteil der Familie im Altenheim St. Pankratz zu der Zeit gekocht habe. 

Wenn ich einen Giro drehe nach Profeis fahre ich durch das Ulten. Gelegentlich gelingt es mir, ein Foto zu schießen. Leider ist an den schönsten Flecken zu wenig Platz. Oder, selten die Ruhe, die ich für ein passendes Foto benötigen würde. Für ein gutes Motiv riskiere ich schon Einiges. Wenn Ihr wüsstet, wie und wo manches Foto entstand, Ihr würdet ganz sicher einen Flugbeutel benötigen. 

Als armer Mann schaue ich Abfahrten etc. mit reichlich Werbung auf Eurosport. Die anderen Sender haben sich neuerdings eingeschlossen und bestrahlen uns in Südtirol nur noch gegen Aufpreis. Der Clou ist eigentlich, ich habe Eurosport schon mal als Abo benutzt. Das war für mich erschwinglich. Seit dem es die Sowjetlimonade zum hundertfachen Preis mit Roten Bullen gibt, gibt es auch den Eurosport nur noch eingeschränkt. Alles, was der Rote Bulle wesentlich teurer sendet, wird schlicht dem Eurosport verboten in unseren Breiten. Freie Marktwirtschaft nennt sich das. Für den zehnfachen Preis von Eurosport könnte ich weiterhin den Sport, den ich gern sehe, anschauen. Wohlgemerkt, mit Bulle auf jedem werbefreien Bild. Damit wir uns nachhaltig einprägen, wer uns hier um unsere Freiheit bescheißt. Ich rede noch nicht von den Versuchsreportern, die des Deutschen nicht mächtig sind vom Roten Bulle. Bei Eurosport sehe ich nicht so genau hin. Das kostet eben Nichts. Die dürfen zeitweise ruhig Westdeutsch sabbern. Schließlich lachen Westdeutsche, sächsische Dudenkenner fleißig aus, während sie den dritten und vierten Fall verwechseln.

Der Duden kommt aus Sachsen! Kein Grund, dumm neidisch zu werden. 

h rede sehr oft mit ausländischen Kollegen. Die verwechseln "Als" und "Wie" im dritten und vierten Fall nie. Da wirft sich glatt die Frage auf, wer die besseren Deutschen sind. Die Einheimischen, die das nicht mal im Fernsehen können oder die "Fremden".

Deshalb präsentiere ich Euch einen kleinen Werbeauszug, um mit Euch, mein Fernseherlebnis von Heute zu teilen. Schließlich kommt das bei einer einzigen Abfahrt um die vier Mal:

Erektionsprobleme?

... (jetzt eine kleine Änderung)

...dann suchen Sie sich eine richtige Frau!

Vermeiden Sie Ärzte, Medikamente und Ratschläge aus dem Westreich:-))

Das hilft garantiert gegen Conterganschäden:-))

 

 

 

 

Leseprobe Der Saisonkoch-Erster Monat

Der Saisonkoch Erster Monat

In der Lobby drängen sich schon die Wintergäste. Alle haben Ski, Stöcke und irgendwelche Mützen in der Hand. Der Skibus hält direkt vorm Haus und auf den warten unsere Gäste. Später kommt noch ein Skibus, der mit seinen Passagieren eine Rundfahrt unternimmt. Bei der Rundfahrt werden andere Skigebiete besucht. Die Touristen sind noch nicht in der Lobby. Sie sitzen noch am Frühstückstisch. Der Bus kommt und es entsteht ein Gedränge. Unsere Gäste sind im Urlaub. Ich kann nicht verstehen, warum sie so drängeln. Und das am frühen Morgen. Der Busfahrer kommt mit einem Kollegen herein und holt bereits die ersten Ski ab. Die Ski stellen sie in korbähnliche Gestelle, die sie am Bus montiert haben. Ich gehe aus der Hotelempfangshalle vor die Tür und sehe, in der Nacht ist wenig Schnee gefallen ist. Zum Weihnachtsmarkt ist es nur ein kleines Stück. Musik ist schon zu hören. Der Glühweinstand hat schon offen. Die ersten Kunden stehen davor. Am frühen Morgen. Ich höre nebenbei, wie sich die Leute verabschieden und bis zur kommenden Woche verabreden. Sie trinken Glühwein und wollen tatsächlich noch nach Deutschland fahren. Das erklärt mir dann schon den seltsamen Fahrstil dieser Kunden. Vom Markt sind nur drei Stände offen. Der Speckstand, Glühweinstand und der Stand von einem einheimischen Bauern, der etwas geschnitzte Volkskunst verkaufen möchte. Mit ihm spreche ich, weil er mich gefragt hat, ob ich der neue Koch vom Alfred bin.
„Nein. Meine Frau ist bei Alfred Zimmermädchen. Ich mache hier nur meinen Krankenstand.“
„Host di geschnittn.“
„Recht streng, sagt der Dok.“
„Du bist net hiesig. Du kommst aus Deitschlond. Aus‘m Oschten.“
„Wir sind zur Wende nach Meran ausgewandert und arbeiten hier in der Wintersaison.“
„Un im Sommer orbeiteste bei eich driem?“
„Ja. Ich arbeite meist auf den Bergen, weil da die Saison kürzer ist.“
„Do hier biste gut versichert. Geht scho. Bei eich driem, isses do schlimmer.“
„Ich bin hier noch nicht so erfahren, um das bestätigen zu können. Größere Arbeitsunfälle hatte ich noch nicht. Krank war ich nie.“
„Du werst Di umschaun. Vor ollm, wenn Du‘n Zahnarzt braugscht.“
Das war mir schon mal eine Warnung, über die ich bisher nie nachgedacht habe. Ich schlendere noch etwas über den Weihnachtsmarkt, den ich nicht besonders aufregend finde. Unsere sächsischen Weihnachtsmärkte sind da schon um Längen interessanter. Die haben mich aber nie besonders interessiert, weil ich zu Hause auch gearbeitet habe in der Zeit. Mir taten die Leute eigentlich leid, die sich stundenlang wegen eines Nussknackers oder sonstigem Kram anstellen. Die Sachen wurden in der DDR wie Gold gehandelt. Es gehörte einfach zum guten Ton, diesen Kram zu verschenken. Wenn man in der Gastronomie arbeitet, vor allem zu den Feiertagen, kann sich so ein Gefühl schlecht entwickeln. Man findet das Gehabe albern und kindisch. In meinen Augen ist das Geschäftemacherei. Nach den Ferien, wurde in der Schule verglichen und präsentiert, was man so zu Weihnachten abgesahnt hat. Unsere Eltern haben uns relativ fürstlich beschenkt. Durch ihren Beruf als Wirtsleute, hatten sie recht wenig Zeit, mit uns die Freizeit zu verbringen. Vater war immer ganz stolz, wenn er seine riesengroße Brieftasche auffaltete und ein Scheinchen herauszog, um zu bezahlen. Unsere Eltern haben für dieses Gefühl, extrem schwer gearbeitet. Unsere Selbsterziehung im Umfeld der Freunde, hat aber aus uns recht brauchbare Menschen werden lassen. Wir haben gelernt, uns selbst zu helfen. In dem Sinne, sind wir unseren Eltern recht dankbar. Sie haben sich, aus Zeitmangel, einfach selten eingemischt. Dadurch sind wir sehr emotionale Menschen geworden, die auch diverse Regeln streng hinterfragten. Die Erziehung wurde noch durch ein sozialistisches Schulsystem ergänzt, das wir in der DDR bekamen. Wir sahen unsere Lehrer und Erzieher länger und öfter als unsere Eltern. Das war nicht zu unserem Nachteil. Unsere Mutter war eine ausgemachte Kramsammlerin und schleifte uns über Märkte aller Art. Das Hobby war ihr eigentlich wichtig, weil unsere Mutter mit diesem Kram, das Gasthaus verschönerte. Für Mutter war das ihre ganz persönliche Erholung, die sie manchmal auch etwas undosiert genoss.

 

Leseprobe Der Saisonkoch-Erster Monat

Der Saisonkoch Erster Monat

Aktuell bin ich bei etwa zwei Drittel des Ersten Teiles. Ich habe früher mit Software, Korrektur gelesen und darf jetzt bei Handarbeit feststellen, da schleichen sich schon erhebliche Fehler ein. Die redigiere und korrigiere ich gerade. Im Januar kommt das streng redigierte und korrigierte Buch dann in Neuauflage. Das Vorgängerwerk nehme ich dann für eine Woche raus.

Die derb wirkende Wortwahl habe ich nur teilweise entfernt. Ich möchte aber den Charakter des Buches nicht unbedingt verändern. Das Buch spiegelt schließlich die Gedankenwelt einfacher Menschen wieder, die auch bisweilen in Wut geraten. Mit der derben Wortwahl versuche ich zudem, die fast schon grenzenlose Dummheit gepaart mit der Überheblichkeit unserer Gäste auszudrücken und wie der Arbeiter darauf reagiert. Wer in diesem Gäste-Gastgeber-Verhältnis noch auf eine besondere Qualität spekuliert, tut mir wirklich aufrichtig Leid. Ein Service konzentriert sich wirklich nur noch auf das Nötigste, das zudem auch ziemlich schlecht bezahlt wird. Eine Saisonkraft verdient pro Stunde, rein gerechnet, keine fünf Euro. Für diesen Preis dürfen Sie wirklich nur das Notwendigste erwarten.

AuszugUnsere Kellnerinnen kommen in die Küche und sagen mir, ich solle zu den Kunden gehen. Sie können das nicht Alles beantworten, was sie von den Gästen gefragt werden. Dafür fehlt ihnen auch die Zeit. Ich gehe an den Tisch. Dort sitzen zwei dürre Gestalten, die aussehen als wären es weibliche. Die männlichen Begleiter sitzen bei ihnen und sagen keinen Ton. Die eine bellt mich aus einem steif operierten Mund an, was denn das für Beilagen auf dem Vegetarierteller wären. „Vegetarische“, sage ich ihr. Ich habe den Eindruck, sie wollte eigentlich nur erfahren, wer da kocht und woher der Koch stammt. „Ach."
„Haben Sie noch Fragen zu dem Essen?“
„Nein. Dasch kenne ich. Wir schind hier jedes Wochenende. Wir wollen nur den neuen Chefkoch schehen.“
„Sind Sie jetzt zufrieden?“
„Wie kochen Schie denn die Käscheschpätschzle?“
„Ich rede mit Kunden, die keine Ahnung von Lebensmitteln und Kochen haben, nicht gern über Essen und wie man das herstellt.“
Einer der Begleiter antwortet mir, dass er meine Antwort nicht gerade schick findet. Die Wortwahl lässt bei mir einige Vermutungen aufkommen. Es scheint, der Begleiter ist die Hausfrau. Bei dem Stecken, kein Wunder, schätze ich.
„Mit Ihnen können wir wohl nicht über das Eschen reden.“
„Wenn ich ehrlich bin; ich hab von dem Essen kochen keine Ahnung. Ich bin nur der Chefkoch. Kochen tu ich schon lange nicht mehr. Haben Sie schon bestellt?“
Zum Glück kommt jetzt meine Kellnerkollegin und befreit mich von der Vorstellung.
„Chef. Du wirst in der Küche gebraucht.“
„Ich wünsche noch einen schönen Abend und guten Appetit.“
Antworten gab es keine.
Kaum in der Küche, kommt die Kellnerkollegin und zeigt mir die Bestellung des Tisches, welche gerade aus dem Bondrucker pfeift. Es sind vier verschiedene Speisen, wie schon vermutet. Komplett vegetarisch. Ausgerechnet bei Wolfgang, der seine eigenen Tiere und die der Nachbarn verarbeitet. Regionaler geht es schon gar nicht mehr. Das Gemüse ist importiert und garantiert nicht frisch. Ich finde es eh ziemlich witzig, wie Vegetarier im Winter an ihren Gewohnheiten festhalten. Wohl in der Kenntnis, dass ihr Essen, dort, nicht wachsen kann zu der Jahreszeit. Auszug

 

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