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Leseprobe Der Saisonkoch-Erster Monat

Der Saisonkoch Erster Monat

In der Lobby drängen sich schon die Wintergäste. Alle haben Ski, Stöcke und irgendwelche Mützen in der Hand. Der Skibus hält direkt vorm Haus und auf den warten unsere Gäste. Später kommt noch ein Skibus, der mit seinen Passagieren eine Rundfahrt unternimmt. Bei der Rundfahrt werden andere Skigebiete besucht. Die Touristen sind noch nicht in der Lobby. Sie sitzen noch am Frühstückstisch. Der Bus kommt und es entsteht ein Gedränge. Unsere Gäste sind im Urlaub. Ich kann nicht verstehen, warum sie so drängeln. Und das am frühen Morgen. Der Busfahrer kommt mit einem Kollegen herein und holt bereits die ersten Ski ab. Die Ski stellen sie in korbähnliche Gestelle, die sie am Bus montiert haben. Ich gehe aus der Hotelempfangshalle vor die Tür und sehe, in der Nacht ist wenig Schnee gefallen ist. Zum Weihnachtsmarkt ist es nur ein kleines Stück. Musik ist schon zu hören. Der Glühweinstand hat schon offen. Die ersten Kunden stehen davor. Am frühen Morgen. Ich höre nebenbei, wie sich die Leute verabschieden und bis zur kommenden Woche verabreden. Sie trinken Glühwein und wollen tatsächlich noch nach Deutschland fahren. Das erklärt mir dann schon den seltsamen Fahrstil dieser Kunden. Vom Markt sind nur drei Stände offen. Der Speckstand, Glühweinstand und der Stand von einem einheimischen Bauern, der etwas geschnitzte Volkskunst verkaufen möchte. Mit ihm spreche ich, weil er mich gefragt hat, ob ich der neue Koch vom Alfred bin.
„Nein. Meine Frau ist bei Alfred Zimmermädchen. Ich mache hier nur meinen Krankenstand.“
„Host di geschnittn.“
„Recht streng, sagt der Dok.“
„Du bist net hiesig. Du kommst aus Deitschlond. Aus‘m Oschten.“
„Wir sind zur Wende nach Meran ausgewandert und arbeiten hier in der Wintersaison.“
„Un im Sommer orbeiteste bei eich driem?“
„Ja. Ich arbeite meist auf den Bergen, weil da die Saison kürzer ist.“
„Do hier biste gut versichert. Geht scho. Bei eich driem, isses do schlimmer.“
„Ich bin hier noch nicht so erfahren, um das bestätigen zu können. Größere Arbeitsunfälle hatte ich noch nicht. Krank war ich nie.“
„Du werst Di umschaun. Vor ollm, wenn Du‘n Zahnarzt braugscht.“
Das war mir schon mal eine Warnung, über die ich bisher nie nachgedacht habe. Ich schlendere noch etwas über den Weihnachtsmarkt, den ich nicht besonders aufregend finde. Unsere sächsischen Weihnachtsmärkte sind da schon um Längen interessanter. Die haben mich aber nie besonders interessiert, weil ich zu Hause auch gearbeitet habe in der Zeit. Mir taten die Leute eigentlich leid, die sich stundenlang wegen eines Nussknackers oder sonstigem Kram anstellen. Die Sachen wurden in der DDR wie Gold gehandelt. Es gehörte einfach zum guten Ton, diesen Kram zu verschenken. Wenn man in der Gastronomie arbeitet, vor allem zu den Feiertagen, kann sich so ein Gefühl schlecht entwickeln. Man findet das Gehabe albern und kindisch. In meinen Augen ist das Geschäftemacherei. Nach den Ferien, wurde in der Schule verglichen und präsentiert, was man so zu Weihnachten abgesahnt hat. Unsere Eltern haben uns relativ fürstlich beschenkt. Durch ihren Beruf als Wirtsleute, hatten sie recht wenig Zeit, mit uns die Freizeit zu verbringen. Vater war immer ganz stolz, wenn er seine riesengroße Brieftasche auffaltete und ein Scheinchen herauszog, um zu bezahlen. Unsere Eltern haben für dieses Gefühl, extrem schwer gearbeitet. Unsere Selbsterziehung im Umfeld der Freunde, hat aber aus uns recht brauchbare Menschen werden lassen. Wir haben gelernt, uns selbst zu helfen. In dem Sinne, sind wir unseren Eltern recht dankbar. Sie haben sich, aus Zeitmangel, einfach selten eingemischt. Dadurch sind wir sehr emotionale Menschen geworden, die auch diverse Regeln streng hinterfragten. Die Erziehung wurde noch durch ein sozialistisches Schulsystem ergänzt, das wir in der DDR bekamen. Wir sahen unsere Lehrer und Erzieher länger und öfter als unsere Eltern. Das war nicht zu unserem Nachteil. Unsere Mutter war eine ausgemachte Kramsammlerin und schleifte uns über Märkte aller Art. Das Hobby war ihr eigentlich wichtig, weil unsere Mutter mit diesem Kram, das Gasthaus verschönerte. Für Mutter war das ihre ganz persönliche Erholung, die sie manchmal auch etwas undosiert genoss.

 

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