Skip to content

Leseprobe Der Saisonkoch - Erster Monat

Der Saisonkoch Erster Monat

Ich frage Marco, ob er einen Kaffee mit trinkt und er willigt ein. Marco greift sich eins von den frischen Brötchen und belegt das mit Kochschinken. „Mein Frühstück heute“, sagt er. „Willst Du auch eins?“

„Ja, gern.“ Jetzt, nach der kurzen Anstrengung, habe ich auch etwas Appetit. Nach dem ersten Biss in das Brötchen, sage ich zu Marco, die Brötchen schmecken fast so gut wie in der DDR. „Das wundert mich nicht. Bei unserem Bäcker arbeiten zwei Thüringer Bäcker aus der DDR. Mich wundert nur, dass Du das sofort raus schmeckst.“

„Das ist die Macht der Gewohnheit, lieber Marco.“

„Wie schmecken denn Dir unsere italienischen Brötchen?“

„Im Großen und Ganzen, recht gut. Italienische Bäcker sind auch so gut wie DDR Bäcker. Sie lieben ihren Beruf und das schmeckt man. Mich beeindruckt die Vielfalt der Brotbackwaren in Italien. Das hatten wir so nicht. Außer vielleicht, beim Kuchen. Der Kuchen, der in der DDR gebacken wurde, ist heute noch, ungeschlagen. Den bekomme ich, europaweit, nicht in der Qualität.“

„Da habt Ihr Euch aber ganz schön umstellen müssen.“

„Nein. Wir backen unseren Kuchen zu Hause. In den Bäckereien wird mir zu viel Glukose eingesetzt und das mag ich nicht.“

„Zum Glück sind wir Köche und können uns selbst helfen“, sagt Marco und grinst breit über sein braungebranntes Gesicht.

„Woher kommst Du, Marco?“

„Naja. Das ist ein ganz schönes Stück zu fahren. Aus Santa Maria bei Neapel.“

„Da hast Du schon auch so weit zu fahren wie wir aus der DDR.“

„Deswegen nehme ich immer zwei oder drei Tage zusammen frei.“

„Ich hab mal in der Sowjetunion gearbeitet. Da haben wir drei Monate am Stück gedient und dafür einen Monat frei bekommen.“

„Nach der Saison habe ich auch einen Monat frei. Das wird mir aber nicht bezahlt. Wie war das bei Euch in der DDR?“

„Bei uns wurden auch die freien Tage bezahlt. Die haben wir ja auch vorgearbeitet. Der Lohn wurde praktisch immer bezahlt, aber das Trennungsgeld entfiel bei den Ferien.“

„Trennungsgeld? Was ist das?“

„Wenn wir von unserer Familie getrennt waren, haben wir eine Entschädigung bekommen. Im Land waren das neun Mark und, wenn wir im Ausland gearbeitet haben, sechsunddreißig Mark pro Tag.“

„Da hast Du tausend Mark verdient, ohne zu arbeiten? Nur, weil Du von Deiner Familie getrennt warst?“

„Ja. Das wurde zu dem Lohn, steuerfrei, dazu gezahlt.“

„Aha. Deswegen seid Ihr pleite gegangen.“

„Die DDR, unser Staat, war nicht pleite.“

„Aber, das haben die in allen Nachrichten so gesagt, Karl.“

„Wenn Du, Deinem Nachbarn die Kasse stiehlst, sagst Du doch auch, es waren nur ein paar Lire drin.“

„Das stimmt.“

„ Die Besatzer haben uns sämtliche Maschinen, den Grund und Boden, unsere Häuser, Fabriken und Anlagen geklaut. Dazu die Staatskasse, unsere Guthaben auf den Banken und die Versicherungskassen. Das war sicher eine Billion. Schulden hatten wir keine.“

„Jetzt begreife ich Deine Einstellung. Die Italiener sagen schon immer, dass die Westdeutschen, Abschaum sind. Die spüren sofort den Unterschied zwischen einem Westdeutschen und einem DDR Bürger. Nicht nur sprachlich, sondern vom Charakter her“, antwortet mir Marco.

Trackbacks

No Trackbacks

Comments

Display comments as Linear | Threaded

No comments

Add Comment

Enclosing asterisks marks text as bold (*word*), underscore are made via _word_.
Standard emoticons like :-) and ;-) are converted to images.
E-Mail addresses will not be displayed and will only be used for E-Mail notifications.

To prevent automated Bots from commentspamming, please enter the string you see in the image below in the appropriate input box. Your comment will only be submitted if the strings match. Please ensure that your browser supports and accepts cookies, or your comment cannot be verified correctly.
CAPTCHA

Form options

Submitted comments will be subject to moderation before being displayed.

cronjob